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Jan Gossaert: Alte Ideale und neue Erotik

Er porträtierte Banker und malte erotisch knisternde Bilder von Adam und Eva. Doch kaum jemand kennt Jan Gossaert. London entdeckt den Flamen wieder.

Ausschnitt aus dem Porträt eines Kaufmannes von Jan Gossaert. Quelle: Image courtesy of the Board of Trustees, National Gallery of Art
Ausschnitt aus dem Porträt eines Kaufmannes von Jan Gossaert. Quelle: Image courtesy of the Board of Trustees, National Gallery of Art

LondonDer Mann mit dem Rosenkranz im teuren Pelz könnte durchaus ein Banker sein. Reichtum und Frömmigkeit sind kein Widerspruch, erst recht nicht im 16. Jahrhundert und auf den Bildern des Jan Gossaert. Auch dem Herrn mit Ziegenleder-Handschuhen traut man ein gut gefülltes Konto zu. Ein junger Mann am Schreibtisch hat Siegel, Feder, Kontobuch und Wechselgeld griffbereit. An der Wand erkennen wir die goldenen Kugeln eines Pfandleihers, und Schuldscheine sind, als „Trompe l’oeils“ zum Greifen echt gemalt an die Wand geklemmt. Wären seine Fingernägel sauberer, würde man auch ihn für einen Banker halten.

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Die Porträts hängen in einer faszinierenden Retrospektive des flämischen Malers Jan Gossaert (1478-1532) in der Londoner Nationalgalerie (bis 30. Mai). Es war die Zeit der Renaissance. Der Mensch trat, meist als Mann, selbstbewusst ins Zentrum der Schöpfung. Bei den Frauen hielt es Gossaert eher mit Marien, Engeln und mythologischen Figuren. Nicht immer erkennen wir in diesen Porträts die Seelen der Dargestellten: Diese Menschen sind, was sie scheinen. Oft sehen sie, wie Heinrich III. von Nassau in seinem fein in Goldfaden gewobenem Wams, wie Kleiderpuppen teilnahmslos durch den Betrachter hindurch.

Gossaert war nach dem Urteil der Kunstgeschichte ein hervorragender Techniker, ein Meister der Manieristen. Er brachte mit leuchtenden Hautpartien, feinstem Pinsel und einer illusionistischen Feintechnik die Ölmalerei auf ihren ersten Höhepunkt. Aber man vermisste bei ihm auch altdeutschen Ernst und Innerlichkeit. „Uns erscheint heute die empfindungslose Mache in diesen Werken unerträglich“, urteilte Wilhelm Lübke in seinem 1860 erschienenen „Grundriss der Kunstgeschichte“.

Heute haben wir wieder mehr Respekt vor sinnlichen Texturen und kostbaren Oberflächen. Uns fasziniert, was früher an Gossaert störte: gerade das Widerspenstigere im Vergleich zu würdigeren Vorläufern wie Jan van Eyck und Gerard David. Denn Gossaert ist ein Maler des Übergangs. Er mischt das Bewährte mit neuen Einflüssen. Als einer der ersten nördlichen Maler reist Gossaert nach Italien, und anders als Dürer schafft er es bis Rom. Dort erlebt er die Wiederentdeckung des Altertums und die Malerei von Zeitgenossen wie Raffael und Michelangelo. Er bringt die Renaissance begeistert in den Norden zurück.

Langsam dringt das Neue nach seiner Rückkehr in seine Malerei ein. Gossaerts „Anbetung der Hirten“, das Hauptwerk der Nationalgalerie, entsteht nach der Italienreise, ist aber noch ganz der alten Schule verpflichtet: vollgepackt mit statuarischen Figuren in wallenden Gewändern, theologischen Anspielungen; eine Feinmalerei in der Tradition der Buchmaler – aber im Superformat. Doch man spürt schon die Begeisterung an Skulptur und Architektur.

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