Kunstmarkt

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Klassische Moderne: Unternehmer entdeckt die 'andere Seite' seines Ichs

Wer sein Auge an Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner, an früher Graphik von Erich Heckel und Edvard Munch, an Gemälden von Alexej Jawlensky und Oskar Schlemmer schulen möchte, dem sei Stuttgart empfohlen. Die Staatsgalerie stellt derzeit die Sammlung von Max Fischer aus. Der Unternehmer hat beherzt gesammelt, als es beste Qualität noch für wenig Geld gab.

Wie der Krieg dem Individuum jeglichen Handlungsspielraum raubt: Das stellt Ernst Ludwig Kirchner auf seinem Gemälde "Reitende Artilleristen" von 1915 dar. Quelle: Staatsgalerie Stuttgart, Sa. Max Fischer
Wie der Krieg dem Individuum jeglichen Handlungsspielraum raubt: Das stellt Ernst Ludwig Kirchner auf seinem Gemälde "Reitende Artilleristen" von 1915 dar. Quelle: Staatsgalerie Stuttgart, Sa. Max Fischer

STUTTGART. Der Stuttgarter Unternehmer Max Fischer (1886-1975) hat ab 1910 immer dann gesammelt, wenn er Geld dazu hatte. Von Anfang an begeisterten ihn zugleich die Altmeistergraphik und die Kunst der ganz jungen Expressionisten. In der Weltwirtschaftskrise 1928/30 hielt sich Fischer mit Erwerbungen zurück und auch im zweiten Weltkrieg, in dem es ihn als Soldat nach Süditalien verschlagen hatte. Der Sohn eines Tübinger Gastwirts und promovierte Chemiker entwickelte sich früh zum Sammler klassischer Prägung, die typisch ist für die Weimarer Zeit: Fayencen, mittelalterliche Skulptur, Graphik von Dürer und Rembrandt sowie zeitgenössische Kunst begeisterten den Unternehmer, der sich gern von Museumsleuten beraten und so sein Auge schulen ließ.

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Der Staatsgalerie Stuttgart ist Max Fischer seit den 1940er-Jahren verbunden. Nicht nur, dass der Unternehmer in dem einen oder anderen Bietgefecht zu Gunsten der Staatsgalerie auf die Auktionstrophäe des finanziell Potenteren verzichtete. Direktor und Sammler erwarben Arbeiten, die sich unmittelbar aufeinander beziehen - etwa den Farbholzschnitt "Kopf bei Kopf" von Edvard Munch (Staatsgalerie Stuttgart) und die spiegelverkehrte Frottage mit Farbkreide (Max Fischer). Dieser dreifarbige Abrieb ist so zart wie eine Zeichnung und zeigt, wie wichtig Munch dieses Motiv des Paares war, das Wange an Wange steht.

In der aktuellen, klar strukturierten Hommage der Staatsgalerie an den großen Stuttgarter Sammler, entdeckt der Besucher nicht nur eine exquisite Sammlung druckfrischer und bestens erhaltender Papierarbeiten, sondern auch Raritäten: so zum Beispiel eine kubistisch inspirierte Landschaft von Oskar Schlemmer. Der Sammler hat sie bereits in den zwanziger Jahren gekauft, als sich Schlemmer noch nicht auf die schematischen Figuren festgelegt hatte, die ihn seit seiner Bauhaus-Zeit berühmt machen sollten. Zu Fischers frühen, treffsicheren Erwerbungen zählen auch Karl Hofers vorzügliches Interieur mit zwei Akten, in dem Hofer den Hautton der jungen Mädchen mit vielschichtiger Farbgebung meisterhaft wiedergibt oder Paul Klees figuratives Aquarell mit dem romanhaften Titel „Selbstmord eines Stubenmädchens“. Fischers wichtigste Quelle jener Zeit war das Kunsthaus Schaller in Stuttgart.

Ketterer erschließt den Expressionismus

Das eigentliche Profil verpasste Max Fischer seiner Sammlung, als der Kunsthändler Roman Norbert Ketterer und sein Stuttgarter Kunstkabinett (1947-1962) zur Drehscheibe für die im Nationalsozialismus verfemte, damals wiederzuentdeckende expressionistische Kunst werden. Fischer fokussierte seine Sammlung von da an entschieden auf die Künstler der Brücke, des Blauen Reiter und auf die beiden Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer und Lyonel Feininger. Bei der Avantgarde des frühen 20. Jahhrunderts entdeckte der Unternehmer "die andere Seite seines Ichs".

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