
"DÜSSELDORF. Von "Kunstzuständen" war im frühen 19. Jahrhundert die Rede, noch nicht vom "Kunstbetrieb" wie wir ihn heute kennen. Aufstrebende Künstler malten noch ohne Hoffnung auf einen Verkauf. Ein größeres Publikum mussten sie erst noch finden, ihre Sammler heranbilden. Der 1828 gegründete Sächsische Kunstverein Dresden machte es vor. Wie er dabei vorging, das verrät seine "Bilder-Chronik", von der ein Exemplar jetzt im Frankfurter Kunsthandel H.W. Fichter aufgetaucht ist."
Der frei schaffende Künstler war ein Novum
"Der frei schaffende Künstler war in den 1820er-Jahren noch ein Novum", erklärt Aurelio Fichter, der sich als Experte für die Papierkunst des späten 18. und 19. Jahrhunderts einen Namen gemacht hat. „Adel und Kirche bestimmten bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich das Kunstgeschehen.“ Künstler waren Hofbedienstete, wurden vom Adel gefördert oder gehörten als Handwerker einer Zunft an. Erst die industrielle und Französische Revolution schoben den Ablösungsprozess an. Maler und Bildhauer begannen sich zu emanzipieren. Nun standen sie vor der Frage, wie, durch wen oder welche Instanzen sie ihre Werke vermarkten sollten."
Den freien Kunstmarkt, auf den die Künstler angewiesen waren, gab es noch nicht. Zumindest nicht mit der Infrastruktur, die nun nötig wurde. Sie musste erst noch entwickelt werden. Als Katalysatoren der Entwicklung bewährten sich die noch jungen Kunstvereine. Der Sächsische Kunstverein Dresden etwa kaufte mit seinen Mitgliedsbeiträgen Werke junger Künstler aus den akademischen Ausstellungen und verloste sie an ihre Mitglieder. Vor der Verlosung wurden alle angekauften Kunstwerke in Kupfer gestochen und an die Mitglieder des Vereins verteilt. Jeder bekam so viel wie er Anteile am Verein gezeichnet hatte.
Originalgemälde wurden verlost
So sah Künstlerförderung im frühen 19. Jahrhundert aus. Nur wenige Mitglieder kamen in den Genuss eines Originalgemäldes. Durch das Medium der Druckgraphik konnten jedoch viel mehr potentielle Sammler angesprochen und ihr Sinn für die Kunst geweckt werden. Zugleich begann der Verein eigene Galerieräume einzurichten, in denen die Künstler ihre Werke anbieten und verkaufen konnten. Darauf wiederum reagierte Presse und Kritik. War das der Beginn des sich selbst nährenden Systems "Kunstbetrieb" wie wir ihn heute kennen?
Es profitierten damals nicht nur junge sächsische Künstler wie Carl Peschel, Ludwig Richter, Christian Friedrich Gille oder Ernst Ferdinand Oehme. Auch gestandene Frühromantiker wie Caspar David Friedrich, Georg Friedrich Kersting oder Louise Seidler konnten den Kunstverein als Verkaufsplattform für ihre Gemälde nutzen. Reich gewordene Unternehmer und ein prosperierendes Bürgertum waren ihre Abnehmer.