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Strawalde: Der Truffaut vom Prenzlauer Berg

Gar nicht so einfach ist dieser Künstler zu fassen. Jürgen Böttcher, genannt Strawalde, malt, zeichnet, dichtet, filmt und liebt die Frauen. Ein Jahr nach seinem 80. Geburtstag feiert ihn das Lindenau-Museum in Altenburg mit einer großen Retrospektive.

Jürgen Böttcher gen. Strawalde: "Nach Giorgione", 1954. (Ausschnitt) Quelle: Strawalde, Lindenau-Museum Altenburg
Jürgen Böttcher gen. Strawalde: "Nach Giorgione", 1954. (Ausschnitt) Quelle: Strawalde, Lindenau-Museum Altenburg

AltenburgDer Künstler malt; und filmt; und dichtet. Zum Beispiel so: „Ich bin der Größten einer, / noch kennt mich fast noch keiner, / (…) / Im Himmel bin ich schon bekannt / (oh wundersames Heimatland).“ Jürgen Böttcher, der Dokumentarfilmer, der sich als Maler nach seinem in der sächsischen Oberlausitz gelegenen Kindheitsdorf Strawalde nennt, ist ein Mann vieler Talente. Nachträglich zum 80. Geburtstag im vergangenen Jahr richtet ihm nun das Lindenau-Museum Altenburg eine große Retrospektive aus. Sie rückt den ganzen Böttcher/Strawalde in den Mittelpunkt: den Maler, Zeichner, Gelegenheitsdichter, den Filmemacher, Frauenfreund und Zampano, kurz: den großen Künstler und die großangelegte Kunstfigur.

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Gar nicht so einfach, den Mann zu fassen. Das mag an den Haken und Schlenkern seiner Biografie liegen. Das hochmusikalische Kind erlebt das Ende der Nazizeit als Trauma und den Einzug der Russen als Befreiung. Ab 1949 studiert Böttcher Malerei in Dresden – und gerät, wie sein Lehrer Wilhelm Lachnit, mitten in die stalinistische Formalismusdebatte. Nach dem Kunststudium unterrichtet er an der Dresdner Volkshochschule. Zu seinen Eleven gehört ein junger Mann, der seinen Lehrer später an Bekanntheit überflügeln wird. Ralf Winkler nennt sich als Maler A. R. Penck und wird nach der Übersiedlung in den Westen eine Kunstmarktgröße.

Hätte man ihn einfach nur machen lassen

Und dann der Film: Um nach Berlin zu kommen, studiert Böttcher ab 1955 Filmregie in Potsdam-Babelsberg. Er landet beim Defa-Studio für Dokumentarfilme. Schon sein vierter Film, „Drei von vielen“ (1961) über die Dresdner Künstlerfreunde um Peter Herrmann und Peter Graf, wird verboten. Gleichwohl wird Böttcher zum Vorbild für jüngere Filmemacher. Das Malen betreibt er parallel, Ausstellungen hat er zu DDR-Zeiten nur wenige. Die Wende von 1989 kommt zumindest für den Regisseur zu spät. Sein einziger Spielfilm „Jahrgang 45“, 1966 im Rohschnitt abgebrochen und verboten, wird endlich aufgeführt und zum Kultfilm: Truffauts zärtlicher Extremismus im Prenzlauer Berg! Was hätte aus diesem Land und seiner Kunst werden können, hätte man Leute wie ihn einfach nur machen lassen.

Jutta Penndorf und Matthias Flügge, die Kuratoren der Altenburger Ausstellung, vermeiden den Begriff Doppelbegabung. Formal gibt es Korrespondenzen zwischen Filmstills und Gemälden, zwischen den nach 1990 auf weltweiten Reisen geschossenen Polaroids und den Anfang der 80er-Jahre entstandenen Kunstpostkarten-Übermalungen Alter Meister: flirrendes Helldunkel neben kalligrafischer Disziplin; Abstraktes zeitgleich neben Gegenständlichem. Arbeitet Strawalde farbig, dann tief aus dem Bauch, wie ein echter Dresdner. Eine Handschrift im Sinne leichter Widererkennbarkeit sucht man vergebens.

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