Jürgens Weinlese

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Jürgens Weinlese: Gemeine Verschlusssache

Nicht selten müssen teure Weine weg, da der Korken einen Fehler hat. Handelsblatt-Online-Weinliebhaber Jürgen Röder schildert seine Erfahrungen mit Korkfehlern, Alternativen zum Naturkork, und was eine Korkklinik ist.

Weinliebhaber Jürgen Röder.
Weinliebhaber Jürgen Röder.

DüsseldorfWenn ich an den Korkverschluss von Flaschenweinen denke, fallen mir oft enttäuschte, manchmal sogar wütende Winzer ein. Nämlich Winzer, die beim Öffnen der Flasche einen Korkfehler entdecken und ihren Wein wegkippen müssen. Bei einer Probe von teuren Barolo-Weinen auf einem Gut in Piemont waren gleich drei von sechs Flaschen korkig – zum Entsetzen des Winzers. Diese Weine konnte er nicht mehr verkaufen.

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Und dann stelle ich mir die Frage: Was wäre, wenn jede zwanzigste Bierflasche oder Milchtüte weggeworfen werden müsste? Würden sich Verbraucher damit zufrieden geben? Ich glaube nicht. Ein Korkfehler ist leicht zu erriechen; der Wein hat einen unnatürlich muffigen, moderigen Geruch , der an  einen schimmligen Keller sowie Fäulnis erinnert. Der Geruch wird durch die Substanz Trichloraniso (TCA) verursacht. Diese wird bei der Korkherstellung von Mikroorganismen gebildet. Es reichen bereits geringste Mengen, um einen Wein zu zerstören.

Interview Nomacorc „Gleicher Wein reift mit Naturkork unterschiedlich“

Nomacorc ist mit zwei Milliarden produzierten „synthetischen“ Weinverschlüssen jährlich Weltmarktführer. Das Handelsblatt sprach mit Nomacorc-Vertreter Stefan M. Friedrich, warum Naturkorken nicht mehr in die Zeit passen.

Interview Nomacorc: „Gleicher Wein reift mit Naturkork unterschiedlich“

Typisch für den Korkfehler ist, dass der Geruch im Glas immer unangenehmer und deutlicher wird. Wenn sich nach 15-20 Minuten der Geruch im Glas nicht verändert hat oder sogar stärker geworden ist – dann haben Sie einen korkigen ungenießbaren Wein erwischt. Und können ihn nur noch wegkippen. Sie sollten auch das Glas auswaschen, bevor sie einen neuen Wein eingießen.

Genau aus diesem Grund gibt es mittlerweile viele Verschlussarten auf dem Markt: Natur- und Presskorken, Glas- und Schraubverschlüsse sowie Kunststoffverschlüsse. Doch die Art, Wein zu verschließen, ist bei vielen Weinkennern gerade in Deutschland eine Glaubensfrage. Viele deutsche Weintrinker bevorzugen den Naturkorken – trotz der Nachteile.

Sogar das französische Spitzenweingut Chateux Margaux, das einen der berühmtesten Weine der Welt erzeugt, zieht mittlerweile eine Abkehr vom Naturkorken in Betracht. Drehverschlüsse hatten ausgezeichnete Ergebnisse gebracht.

Die häufigsten Verschlüsse von Weinflaschen

  • Naturkorken

    Diese werden aus der Rinde der Korkeiche gewonnen. Es handelt sich hier um ein reines Naturprodukt. Ein Naturkorken ist umso besser, je länger und elastischer er ist. Die Qualität eines Korkens ist auch umso besser, je glatter die Oberfläche ist.  Sehr gute Korken verteuern eine Flasche Wein um bis zu einen Euro. Naturkork muss wachsen und kann nicht in beliebiger Menge produziert werden. Er wird daher immer seltener.

  • Presskorken

    Presskorken werden nicht in einem Stück aus der Korkeiche herausgeschnitten, sondern es handelt sich um Korkgranulat, das mit Hilfe von Harz gebunden wurde. Presskorken sind deutlich billiger als Naturkorken. Bessere Presskorken (Verbundkorken) haben oben und unten eine Naturkorkscheibe. Damit soll verhindert werden, dass der Leim, mit dem das Granulat verklebt wurde, negativen Einfluss auf den Wein nimmt. Ob das zutrifft, darf bezweifelt werden.

  • Scheibenkorken

    Verbundkork aus Agglomerat-Körper und Naturkorkscheiben. Diese werden auf eine oder beide Stirnseiten (Zweischeibenkork) geleimt. Üblicherweise wird Zweischeibenkork verwendet, da es dann keine Rolle spielt, mit welcher Ausrichtung er in die Flasche kommt.

  • Schraubverschluss

    Unter rein praktischen Gesichtspunkten für den Verbraucher der beste Verschluss - sehr preiswert, aber höchst effektiv. Der Verschluss bleibt ewig lange dicht, Korkschmecker gibt es nicht. Praktisch, um eine angebrochene Flasche wieder zu verschließen. Allerdings ist die Akzeptanz bei Verbrauchern sehr gering. Meistens wurden Schraubverschlüsse traditionell wegen des Preisvorteils eher für einfache Trinkweine eingesetzt, so dass der Verbraucher heute mit einem Schraubverschluss automatisch einen billigen Wein verbindet. Für den Winzer sind Schraubverschlüsse technisch anspruchsvoll, weil Sie mit den herkömmlichen Maschinen nicht eingesetzt werden können.

  • Glasverschluss

    Glasstopfen, der dank Kunststoffdichtung für einen sehr guten Verschluss sorgt. Zur Sicherheit wird der Stopfen noch mit einer Überkappe aus Aluminium versehen. Vorteil dieses Systems ist neben der nach Herstelleraussagen hohen Dichtigkeit und Neutralität die Tatsache, dass zum Öffnen kein Werkzeug benötigt wird. Auch die sichere Wiederverschließbarkeit der angebrochenen Flasche ist gegeben. Er ist teuer und nicht mit den herkömmlichen Maschinen anzubringen.

  • Sektkorken

    Spezialform des Scheibenkorkens mit zwei oder drei Naturkorkenscheiben. Diese Scheiben haben in der Regel eine höhere Qualität und eine größere Dicke als bei billigen Scheibenkorken üblich, dadurch zuverlässigere Geschmacksneutralität.

  • Diam

    Aus Feingranulat hergestellt. In verschiedenen Ausführungen mit unterschiedlicher Sauerstoffdurchlässigkeit erhältlich. Stilweinkorken tragen den Markennamen Diam, solche für Schaumweine heißen Mytik.

  • Nomacorc

    In einem besonderen Verfahren (Koextrusion) hergestellter Kunststoffkorken. Er besteht aus einem geschäumten Kern, der von elastischer Außenhaut umgeben ist. In verschiedenen Ausführungen erhältlich, die auf unterschiedliche Lagerzeiten und Luftdurchlässigkeit abgestimmt ist.

    Quelle: www.weinplus.eu/Merum

Die australische Kellerei Penfolds beispielsweise verschließt ihre Weine für die heimischen Weintrinker mit einem Drehverschluss. „Auf Tradition ausgerichtete Märkte wie Asien, USA oder Europa verlangen Kork“, sagte Sandy Mayo, Marketing-Direktorin von Penfolds, dem Weinmagazin Merum.

Für mich kurios: Penfolds bietet zum Beispiel eine Korkklinik an – wenn auch nur für einen Tag. Dabei können Besitzer von Penfolds-Weinen, die mindestens 15 Jahre alt sind, ihre Flaschen öffnen und bewerten lassen. Falls der Wein noch die Mühe lohnt, wird er mit einem Wein gleicher Sorte wieder aufgefüllt und erneut verkorkt. Bei der letzten Eröffnung der Weinklinik in Deutschland 2008 hat einer 70 Flaschen angeschleppt.

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Der Autor ist Wein-Liebhaber und freut sich über Leserreaktionen. Mailadresse: roeder@handelsblatt.com Alle Kolumnen Jürgens Weinlese finden Sie unter www.handelsblatt.com/weinlese

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