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Soziologe Gerhard Schulze: „Wir stecken im Alarmdilemma“

Gerhard Schulze, Jahrgang 1944, ist Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung. Der Bamberger Soziologe spricht über unseren Umgang mit Krisen, die Sünden der Klimadebatte und das Leben im Daueralarm.

Ein Polizei-Blaulicht. Quelle: dpa
Ein Polizei-Blaulicht. Quelle: dpa

Herr Professor Schulze, gerade hatten wir die Banken- und Finanzkrise, da kommt schon die Dioxin-Eier-Krise, und über allem schwebt die Klima- und Energiekrise, von der Bildungskrise ganz zu schweigen. Wie halten wir Krisengeplagte das eigentlich aus?

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Gerhard Schulze: Erstaunlich gut. Wir reden zwar viel von Krisen, mehr denn je, aber wir leben immer länger. Selbst in Deutschland, wo wir eine hohe Lebenserwartung haben, nimmt sie Jahr für Jahr um drei Monate zu. Das zeigt, dass wir als Krisenmanager ziemlich erfolgreich sind.

Handelt es sich um reale oder um eingebildete Krisen?

Teils, teils. Durch die Expansion unserer technischen Möglichkeiten entstehen natürlich auch mehr Risiken. Aber der aktuelle Krisendiskurs ist vor allem ein Kulturphänomen, weniger eine Folge echter Bedrohungen. Ein nigerianischer Journalist hat dieses Paradox einmal sehr schön bestätigt: Mit den Ergebnissen der internationalen Glücksforschung konfrontiert, nach denen kein Volk so glücklich sei wie das der Nigerianer und die Deutschen zu den unglücklichsten gehörten, rief er aus: Ihr glücklichen Deutschen, deswegen habt ihr weniger Probleme als wir.

Die Deutschen reagieren angeblich besonders sensibel auf Krisenphänomene.

Womöglich ist das so, jedenfalls rennt kein Volk der Welt so oft zum Arzt wie wir Deutschen.

Gleichen wir einem Volk von Hypochondern, das ständig über seine Körperfunktionen wacht?

Hypochondrie ist ein graduelles Phänomen. Sie stellt zwar eine emotionale Belastung dar, kann aber auch das Leben verlängern. Gerade die Art, wie wir mit unserem Körper umgehen, sagt viel aus über unser Krisenbewusstsein. Auch der Körper ist ja ein krisenfähiges System – deshalb die vielen Ernährungs-, Gesundheits- und Fitnessratgeber. Wir trimmen uns, essen bewusst und haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns was gönnen. Wir investieren sehr viel in unser Gesundheitssystem, das natürlich auch in der Krise ist – und neigen überhaupt dazu, die Welt als Körper zu betrachten, der von einer Krise bedroht ist.

Ist das ein Zeichen von kluger Vorsicht oder von Alarmismus?

Ich spreche lieber von einem Alarmdilemma. Wenn man sein gesamtes Leben nur noch im Daueralarm, im Vorbeugen, in der Sorge verbringt, dann lohnt sich dieses Leben nicht mehr – man kann schließlich nicht alle Risiken kontrollieren. Allerdings ist das Risiko des Nicht-ernstnehmens eines Alarms grundsätzlich größer als das des Fehlalarms: Der richtet nicht so viel Schaden an, während das Beschwichtigen tödliche Konsequenzen haben kann. Deshalb liegen unsere Sympathien eher beim Warner als beim Beschwichtiger.

Auch weil es im eigenen Interesse rationaler ist, auf den Warner zu hören?

Ja, das ist ein evolutionsgeschichtliches Erbe. Wenn wir nicht schon in unserer Frühgeschichte die Vorsicht kultiviert hätten, dann wäre es uns so gegangen wie dem Moa-Vogel in Neuseeland, der keine Fluchtinstinkte kannte – und deswegen, kaum trat der Mensch auf, in kürzester Zeit ausgerottet war.

  • 13.03.2011, 11:26 UhrDummschule.Deutschland

    Da hat der Mann wohl recht,
    so lange man Erdöl hat um es wie ein Loch zu saufen, sind die gefühlten Krisen nur teils real.

    Bis, ja bis der Boden der Erdöl Flasche zu sehen ist und trotz steilen stellen der Flasche am Mund, kaum noch was kommt. Dann werden aus Phamtomschmerzen reale Schmerzen.

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