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Unterwegs in Köln und Düsseldorf: Eine Ungarin im Karneval

Köln oder Düsseldorf? Wo wird besser Karneval gefeiert? Unsere ungarische Autorin fällt ein eindeutiges Urteil. Sie berichtet auch, wie sie dem Bützen entkam, aber von Tom Cruise in intime Geheimnisse eingeweiht wurde.

Hoch die Tassen: dichtes Gedränge am unteren Rand des Heumarkts in Köln um 11.11 Uhr.
Hoch die Tassen: dichtes Gedränge am unteren Rand des Heumarkts in Köln um 11.11 Uhr.

Köln/DüsseldorfWenn an einem Sonntag der Wecker um 7 Uhr früh klingelt, muss es einen triftigen Grund haben, ihn nicht einfach zu ignorieren. Eine wichtige Reise zum Beispiel, oder ein Geschäftstermin, der nicht verlegt werden kann. Dann muss es sich aber schon um den Deal des Jahrzehntes handeln. Mindestens. Oder es ist eben: der 11.11.
Viermal die Eins bedeuten in Düsseldorf Helau, und in Köln Alaaf, und fiele die Sessionseröffnung nicht auf das Wochenende, würde es die Karnevalisten auch nicht stören: der Business Dress Code heißt dann „Narren casual“, und an der Spitze der To-do-Liste steht: so oft wie möglich anstoßen. Die magische Doppeleins wird zur Rechtfertigung, am helllichten Tag so zu feiern, als wäre es die Silvesternacht. Man könnte ja – wenn es nur um die Nummern ginge - auch abends um elf nach elf anfangen! Aber darum geht es nicht. Worum dann? Ich als Ungarin habe versucht, es herauszufinden.

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Die deutschen Kollegen – von denen einige aktive Karnevalisten, andere Gegner des Winterbrauchtums sind - hatten mich vorgewarnt: Ohne Kostüm, und ohne Bier in der Hand könne es unangenehm werden in der Menge mitzumischen. Es sei denn, man mag es, von den Narren gebützt zu werden.

Bützen? Ein furchterregender Ausdruck. Das klingt wirklich nicht als sei damit küssen gemeint. Im Süden Ungarns, an der serbischen Grenze gibt es im Februar ein Volksfest, wo auch Frauen von Wildfremden geküsst offensiv und angeflirtet werden. Dort jagen die sogenannten Busó´s den Mädchen und Frauen Angst ein. Ich habe es in meiner Kindheit öfters erlebt und fand das Fest sehr unangenehm. Darum entscheide ich mich für eine dezente Karnevalsgarderobe: meine kürbisfarbene Lederjacke, und einen Piccolo Henkel Trocken.

Karneval: Das närrische Spektakel in Zahlen

  • Helau vs. Alaaf

    Der Ruf Helau gilt nicht nur in Düsseldorf, in vielen Karnevalshochburgen wird er gebraucht und ist der bekannteste unter den Narrenrufen. Die Entstehung des Lobes ist unklar, es kann ein Hirtenruf gewesen sein, oder es stammt von Halleluja ab, eine Quelle greift aber auf eine Herkunftsgeschichte vom 13. Jahrhundert zurück, als ein Mainzer Kaufmann sich gegen das Stapelrecht in Köln wehrte, und nicht bereit war ihre Waren zu einem Vorzugspreis den Kölnern anzubieten. Er rief angeblich „Ich vil he lau fahrn“, auf Hochdeutsch: Ich will hier ohne weiteres durchfahren, die Kölner erwiderten darauf „Al aaflade, ihr sollt all aaflade“, zu deutsch: „Alles abladen!“ Diese Geschichte würde auch erklären, weshalb sich Helau mit Alaaf nie versöhnen kann.

  • Umsatzzahlen: Köln vs. Düsseldorf

    Der Wirtschaftskraft des Kölner Karnevals beträgt rund 460 Millionen Euro, wie 2009 von Boston Consulting festgestellt wurde. Aktuellere Zahlen gibt es nicht, weil die Veranstaltung ehrenamtlich organisiert wird, und man keine Mittel hat Jahr für Jahr die Ergebnisse auszuwerten, sagt Sigrid Krebs, Pressesprecherin des Kölner Veranstalters.

    In Düsseldorf wurden bisher 240 bis 250 Millionen Euro umgesetzt, und für die kommende Session wird ein ähnliches Ergebnis erwartet, berichtet Hans-Peter Suchand, Pressesprecher des Comitee Düsseldorfer Carneval e.V.

  • Besucherzahlen

    Zum Hoppeditz-Erwachen in Düsseldorf wurden 8.000 Menschen vor dem Rathaus erwartet. Am Kölner Heumarkt schätzten diverse Berichterstatter die Zahl der Jecken auf 80.000.

  • Trivia

    540.000 Taxifahrten, 204.000 Frisörbesuche und 1,5 Millionen Kostüme werden in Köln zur Karnevalzeit gebucht. Den größten Umsatz machen aber die Kneipen, von den 460 Millionen Gesamtumsatz werden 165 Millionen der Gastronomie zugeordnet.

  • Karnevalshasser

    Die Kontrahenten des Karnevals begründen ihre Abneigung zum Beispiel damit, dass die Jecken eine Minderheit darstellen, die die Mehrheit nerven. Bundesweit bekennt sich nur jeder Dritte zur kalendarisch verordneten „Witzischkeit“. Ein anderer Contra zum Karneval lautet, dass das Spektakel der Wirtschaft schaden soll: spätestens ab 11.11 Uhr geht in den Büros in Köln, Düsseldorf und andernorts nichts mehr. Außerhalb der Karnevalshochburgen kann das niemand nachvollziehen.

  • Pro Karneval

    Viel mehr Argumente sprechen aber für den Karneval: er verkörpert Tradition, fördert soziale Projekte, dient als Plattform für die kulturelle und gesellschaftliche Integration. Er hat ferner eine Netzwerk- und Botschafterfunktion zwischen Altersgruppen, aber auch innerhalb Deutschlands, heißt es in der Auswertung von Boston Consulting.

Die halbherzige Lösung scheint sich zu lohnen: die Farbe Kürbis bewährt sich in der schrillen Menge, und der Sekt erweist sich als gute Wahl. Eine Gruppe von Mädchen leert neben mir eine Flasche „Hugo“, ein Sekt-Lindenblüten-Mix, und einen Berentzen Saurer Apfel. Kein Kölsch also, wie ich erwartet hatte.

Apropos Zug. Ich habe mich entschieden, den Karnevalsauftakt in Köln zu feiern. Die Fahrt um 9.40 Uhr erweist sich als wagemutige Wahl. Der Bahnsteig füllt sich mit Massen von Maskierten, bunt und lustig, aber noch nicht feucht-fröhlich.

Der Regionalzug aus Paderborn ist schon bei der Ankunft voll, ich dränge mich zwischen eine Gruppe von falschen Muskelprotzen – eine sechsköpfige Mannschaft mit Six Packs aus Schwämmen. Nur wenige – sehr wenige -, sind ohne Kostüme unterwegs - die meisten können ihren Frust nicht verbergen.

So eng es auch ist mit den reisenden Jecken: Platz zum Ausschenken von immer noch mehr Alkohol gibt es immer. Aus einer Ecke ruft jemand: „Düsseldorfer raus!" Kleines Schmunzeln in den Reihen. Von den Feindseligkeiten von Düsseldorf und Köln, von Helau gegen Alaaf, habe ich mittlerweile schon viel gehört. Und bekomme im Karnevalstrubel davon nun sogar etwas live mit.

Eine Durchsage bullert aus dem Lautsprecher: „Weg von den Türen, es passt niemand mehr rein, nehmen Sie bitte den nächsten Zug nach Köln“, bittet unser ungeduldiger Bahnfahrer, obwohl die Endstation Aachen ist. Doch dass an diesem Morgen irgendwer nach Aachen will, schließt der Schaffner wohl aus. Nach 30 Minuten feucht-fröhlicher Fahrt erreicht die Bahn tatsächlich den Kölner Hauptbahnhof.

Billig, einfach und macht optisch doch etwas her: Diese drei Jecken mimen das Phantom der Oper mit Maske und Rose - und nicht ganz so stilecht - Bierdose.
Billig, einfach und macht optisch doch etwas her: Diese drei Jecken mimen das Phantom der Oper mit Maske und Rose - und nicht ganz so stilecht - Bierdose.

Die Jeckenwelle ergießt sich über den Bahnsteig und wiegt Richtung Ausgang. Ich habe mir vorgenommen, mich vom Strom mitreißen zu lassen. Die Treppe, die zum Kölner Dom führt, avanciert zu einer Sammelstelle, einem Jecken-Treffpunkt. Es ist 20 vor 11, nur noch 31 Minuten bis zum jecken Startschuss. Ich folgte den Massen in Richtung Heumarkt. Das hoffe ich zumindest, da ich mich in der Domstadt nicht auskenne.

Bei der Grenze zur Altstadt staut sich das Getümmel, allerdings nur kurz: Helfer teilen Plastikgläser aus, ich gieße meinen Piccolo ein. Obwohl er auf der Fahrt lauwarm geworden ist, und Sekt aus dem Plastikkrug auch nicht wirklich appetitlich ist, fange ich an schlückchenweise an meiner Karnevalstimmung zu arbeiten. Kein leichtes Unterfangen: Denn so wirklich ist mir nicht danach, mich am Vormittag zu betrinken. Dieses Problem scheint allerdings niemand sonst um mich herum zu haben.

Der Heumarkt ist schon längst überfüllt. Viele Karnevalisten bleiben rein räumlich gesehen Außenseiter: Der Bereich vor der Bühne ist längst abgesperrt. Um Punkt 11.11 Uhr gibt es keine Zweiklassen-Gesellschaft unter den Jecken. Alle Narren sind gleich und brüllen mit erhobenen Händen: „Kölle Alaaf! Alaaf! Kölle Alaaf!“

Flamingos im Winter auf dem Düsseldorfer Rathausplatz.
Flamingos im Winter auf dem Düsseldorfer Rathausplatz.

In Ungarn feiern wir nicht einmal das Neujahr so enthusiastisch – selbst zur Jahrtausendwende nicht-, wie die Menschen hier eine zusätzliche, fünfte Jahreszeit, die zwar das Wetter nicht ändert, aber die Gemüter der Menschen. Der Tanz geht los, das Brüllen hält an. Ich muss mir eine Beschäftigung suchen, um Spaß zu haben. Ich entscheide mich, als einköpfige Jury über Trachten und Kostüme zu urteilen.

Ich bin also mit Trachtschau beschäftigt: Wenn die Verkleidung den Wunsch nach einer geheimen Identität einer Person zum Vorschein bringen soll, wollen die meisten Männer in Deutschland offenbar Tom Cruise aus „Top Gun“ sein. Und die Frauen? Biene Maja.

Eine Vielfalt an Kostümideen kann ich nicht entdecken: Die Maskenherstellung konzentriert sich, wie es scheint, dieses Jahr auf Bananen, Polizisten, Hippies – mit demselben gemusterten Seiden-Schlaghose, und natürlich Clowns. Die Jecken sind ja Narren.

Ich habe es mittlerweile auf die wenigen wirklich Originellen abgesehen. Eine Frauengruppe zum Beispiel, die ihre Kostüme aus Ritter-Sport und Milka geschneidert haben, ökologisch sehenswert. So wirklich bewandert im jecken Brauchtum sind aber auch diese Damen nicht. Auf meine Testfrage, was eigentlich Kölle Alaaf bedeutet, kam die Antwort: keine Ahnung.

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Viele Männer wollten sein wie Tom Cruise in Top Gun: Der Flieger-Dress aus dem 80er-Jahre-Film war beliebte Verkleidung bei den männlichen Narren. Fotos: Andrea Lukács
Viele Männer wollten sein wie Tom Cruise in Top Gun: Der Flieger-Dress aus dem 80er-Jahre-Film war beliebte Verkleidung bei den männlichen Narren. Fotos: Andrea Lukács

Die gleiche Frage stelle ich den zigsten Top-Gun-Machos, die die Antwort auch nicht wissen, dafür kann aber einer von ihnen die Erklärung für den beliebten Khaki-Overall liefern: „Ich mag Tom Cruise, aber nicht weil ich schwul bin.“ Diese ungefragte Information zu seiner sexuellen Orientierung brennt ihm offenbar unter den Nägeln.

Die kleinen, gepflasterten Gassen der Altstadt werden begossen, mit Kölsch anstelle von Eau de Cologne wie bei einem Oster-Brauch in Ungarn. Am Ostermontag lauern die Jungs und Männer den Mädchen und Frauen aus, damit sie nicht verwelken. Anstelle von Wasser wird hier Kölsch dafür verwendet.

Meinen Platz zwei beim Kostümwettbewerb nach den Schokoladen-Frauen erhalten drei Jungs aus Dortmund, die eine einfache weiße Masken tragen und eine rote Rose in der Hand halten - wie das Phantom der Oper. Im Gespräch wird es mir erklärt: Es sei eine billige, aber doch stilvolle Lösung gewesen für die „beste Party im ganzen Land“.

Bevor ich mich auf den Weg nach Düsseldorf mache, um die Differenzen der Karnevalshochburgen unter die Lupe zu nehmen, laufe ich wieder am Dom vorbei, und bleibe kurz stehen. Der Platz zeigt ein verwüstetes Bild am frühen Nachmittag. Ich frage mich, ob die Kirchengemeinde den Narrentag akzeptiert, oder bleibt die Kirche lieber geschlossen? Nein, sie ist offen, und eine Messe wird auch abgehalten, es ist ja Sonntag.

Wer sich ein bisschen Ruhe und göttliche Stille wünscht, geht also einfach rein. Sogar einige Jecken sind unter den Besucher zu finden, sie verhalten sich nicht anders als andere gottesfürchtige Besucher, schauen nur anders aus.

So feiert die Welt Karneval


Im Hauptbahnhof werde ich mit der Kontrast der Karnevalzeit konfrontiert. Elefanten und Huren stehen am Geldautomat, eine Frau in förmlichen Anzug und schicken Rollkoffern trägt einen Clownshut und die Nase ist rot angemalt. Der Zug zurück nach Düsseldorf ist halb leer, niemand ist verkleidet, als wären die letzten drei Stunden unter Narren nur ein Traum gewesen. Aber offenbar will halt niemand so früh zurück wie ich.

Düsseldorf versucht es Köln gleichzutun. Die Bolkerstraße, der Markt- sowie der Burgplatz schaffen das aber nur halbwegs. Viel weniger Karnevalisten sind dort unterwegs, aber dafür viele Touristen und „normale“ Menschen, die der frohen Gesellschaft beiwohnten, oder auch nicht. Viele laufen einfach so vorbei.

An einer Stelle wird immerhin brasilianische Karnevalsatmosphäre geweckt: Eine Brasilianerin in authentischem Bikini tanzt wild auf das Getrommel der Deutschen. Nackte Haut kommt gut an am 11. November, wo sich sonst alle schon in Wintermäntel hüllen. Sie ist mein Platz 3 des Kostüm-Wettbewerbs.

Auf dem Marktplatz ist eine Open-Air Bühne aufgebaut, auf dem Rathausplatz ein Zelt für eine geschlossene Gesellschaft. Am Ufer aber keine Spur von Narren, die Restaurants am Rhein sind dennoch voll: Die Düsseldorfer genießen das schöne Wetter, spazieren am Fluss entlang, ohne auch nur einmal „Helau“ zu rufen.

Gebützt wurde ich auch nicht, nur als ich am Marktplatz ein Dutzend Flamingos fotografieren will, umarmt mich einer von ihnen. „War das jetzt bützen?“, frage ich. „Wie bitte?“, wundert sich der feuchtfröhliche Flamingo. „Bützen", erwidere ich, „Wissen Sie denn nicht, was bützen bedeutet? Und Helau? „Nein, wir kommen aus Frankfurt. Woll'n nur unseren Spaß haben.“

Autorin Andrea Lukács ist Online-Redakteurin beim ungarischen Nachrichtenportal hvg.hu. Quelle: Akos Stiller/hvg.hu
Autorin Andrea Lukács ist Online-Redakteurin beim ungarischen Nachrichtenportal hvg.hu. Quelle: Akos Stiller/hvg.hu

Andrea Lukács ist drei Wochen lang zu Gast bei Handelsblatt Online, das sich an dem journalistischen Austauschprojekt „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts beteiligt. Im Rahmen des Programms wechseln Redakteure aus Deutschland und anderen europäischen Ländern für jeweils zwei bis vier Wochen ihren Arbeitsplatz. Im Austausch wird Handelsblatt-Redakteur Lukas Bay Anfang 2013 zwei Wochen für hvg.hu schreiben. Weitere Informationen finden Sie unter: www.goethe.de/nahaufnahme.

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  • 10.02.2013, 12:49 UhrOlli

    Am Karnevals-Sonntag geht man in Ddorf auf die Kö, den Tuntenlauf und Co. anschauen, Partymachen inklusive. Altstadt und Marktplatz hat man schon von Donnerstag bis Samstag "bearbeitet" ;) Deswegen der etas "llere" Eindruck.

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