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Vier Linien gestrichen: Berlin versinkt im S-Bahn-Chaos

In Berlin ist der Berufsverkehr derzeit kein Vergnügen. Die Verkehrsbetriebe der Hauptstadt mussten aufgrund fehlender Kapazitäten vier S-Bahn-Linien komplett stilllegen. Die Berliner überrascht das nicht mehr wirklich, für BVG kommt die Maßnahme einer Bankrotterklärung gleich.

von Jörn Hasselmann und Johannes Schneider Quelle: Tagesspiegel
Hier geht nichts mehr: Vier Linien der Berliner sind stillgelegt. Quelle: dpa
Hier geht nichts mehr: Vier Linien der Berliner sind stillgelegt. Quelle: dpa

BERLIN. Im Tunnel am S-Bahnhof Wartenberg irren am frühen Montagmorgen noch einige Fahrgäste umher. Die Unterführung ist nicht abgesperrt, die Gleise sind es dann schon. Schilder an den Aufgängen weisen darauf hin, dass die S-Bahn hier nicht mehr fährt und dass vom S-Bahnhof Hohenschönhausen aus die M4 als Ersatz empfohlen werde. Was die Leute hier in Wartenberg machen sollen, das sagen die Schilder nicht. Darauf weisen aber ein freundlicher Herr in Bahnuniform und eine freundliche ältere Dame im Kabuff am Eingang hin. Sie erklärt, was zu tun ist: Mit dem Bus nach Hohenschönhausen, von da aus mit der M4 zum Alex - oder gleich von Wartenberg aus zur M4 laufen.

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Ob es dafür einen Preisnachlass gebe, fragt ein Fahrgast, "ich dachte, es wird billiger, wenn die Bahn nicht fährt." Davon weiß die freundliche Dame nichts. "Ich kann doch auch nichts dafür", schiebt sie nach. "Sie nicht, aber Ihr Chef", sagt der Fahrgast. Die S-Bahnerin ist sichtlich betrübt: "Ich finde es ja auch nicht schön, gerade weil es unsere Linie ist." Die S75 von und nach Wartenberg ist eine von vier Linien, die seit Sonntag nicht mehr bedient werden. Die Pendler sind abgekoppelt.

"Seit zwei Jahren verfügt die S-Bahn über meine Freizeit"

Am S-Bahnhof Hohenschönhausen ist alles verrammelt: Gitter vor dem Eingang, sogar der Bahnhofsname wurde mit einem Tuch verhängt, als ob das Unternehmen alle Spuren seiner Schmach tilgen wolle. Die Botschaft ist deutlich: Hier fährt nichts mehr. Wer von hier in die Innenstadt zur Arbeit will, muss auf die Tram ausweichen.

An der Haltestelle der M4 versammeln sich die S-Bahn-Versprengten. Im Gespräch klingt immer wieder derselbe Fatalismus an, Tenor: Wir sind ja Kummer gewohnt. "Ich gehe hier jeden Morgen sowieso erst einmal auf die Brücke und schaue, ob die S-Bahn fährt", sagt ein Bauingenieur, der zum Kurfüstendamm muss. "Wenn nicht, steige ich in die Tram." Irgendwie habe es ja bislang immer geklappt, sagt ein anderer Fahrgast. "Dass es jetzt ganz dicht ist, ist aber neu. Ich versuche es jetzt mal mit der Tram."

Grundsätzlich scheinen die Pendler gut informiert - aus Erfahrung. "Das ist ja nichts Neues, seit zwei Jahren verfügt die S-Bahn über meine Freizeit", sagt eine Frau, die aus Hohenschönhausen zur Friedrichstraße muss. "Wer darauf angewiesen ist, der informiert sich auch", sagte ein anderer Fahrgast.

Notfahrplan weiter ausgedünnt

Lange Wartezeiten, volle Bahnsteige, die wenigen noch rollenden Züge ebenfalls voll - das wird auch in den nächsten Tagen und Wochen so bleiben. Mit Betriebsbeginn hatte die S-Bahn vier Strecken stillgelegt. Nach Spandau, Wartenberg, Strausberg Nord und Hennigsdorf fahren bis auf Weiteres keine S-Bahnen mehr. Was am heutigen Montag im Berufsverkehr erst los sein wird im Nahverkehr, ist kaum vorstellbar. „Etwa 200 Viertelzüge“ seien noch fahrbereit, teilte die Bahn zur Begründung mit. Früher waren tagsüber bis zu 562 dieser Doppelwagen im Einsatz, 632 gibt es insgesamt. Der Notfahrplan vor dem Wintereinbruch ging von 434 Viertelzügen aus.

Demnach kann nun, einen Monat nach Wintereinbruch, nicht einmal mehr die Hälfte des Notfahrplans gefahren werden. Bahn-Experten spekulierten gestern, dass am Montag noch deutlich weniger als „etwa 200“ im Einsatz sein werden. Nach Angaben einer Bahn-Sprecherin waren es gestern angeblich 213.

"Was die Herren in Nadelstreifen vorhaben"

Neben dem seit Wochen immer dünner werdenden Takt wurden gestern nun erstmals seit 2009 wieder Strecken ganz gesperrt. Wie lange das anhalten soll, sagt die Bahn nicht, „bis auf Weiteres“. Ein S-Bahner erklärte am Sonntag ratlosen Fahrgästen: „Eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen. Ich weiß es nicht. Keine Ahnung, was die Herren in Nadelstreifen vorhaben.“ Der Eisenbahner war damit beschäftigt, Fahrgäste vom S-Bahnsteig zu holen. Hinweise und Durchsagen gab es nur auf Deutsch. Wieso die Bahnsteige auf den stillgelegten Abschnitten nicht einfach zugesperrt worden sind, konnte die Bahn gestern nicht sagen. Entsprechend empört über seine Arbeit schimpfte der Eisenbahner lauthals weiter: „Ich bin seit 40 Jahren im Betrieb. Früher sind wir gefahren, im Sommer und im Winter. Das hier ist ein Armutszeugnis. Das macht keinen Spaß mehr.“

Ein S-Bahner verwies in Spandau die Fahrgäste auf die U7 der BVG und die drei Regionalzüge, die pro Stunde bis Hauptbahnhof fahren. ICE-Züge zum Hauptbahnhof sind nicht freigegeben mit normalen VBB-Tickets. Ab dem kommenden Wochenende will die BVG ausgerechnet auf dem Abschnitt von Spandau nach Richard-Wagner-Platz abends bauen, die U-Bahn-Züge sollen dort dann nur noch alle 20 Minuten pendeln. Dies kündigt die BVG auf ihrer Internetseite an.

Noch deutlich schwieriger ist die Situation künftig an der Strecke nach Hennigsdorf und nach Wartenberg. Im Norden fahren Ersatzbusse (mit der doppelten Fahrzeit) zu den U-Bahnhöfen Tegel (U6) und Paracelsusbad (U8). Nach Wartenberg und Hohenschönhausen vertröstet die S-Bahn etwa 100.000 Menschen auf die Straßenbahn der BVG. Lichtenbergs Baustadtrat Andreas Geisel schimpfte gestern: „Die S-Bahn versagt völlig. Hohenschönhausen ist vom Zugverkehr abgeschnitten.“ Der von der Bahn genannte Ersatzverkehr mit Tram und wenigen Regionalzügen sei „völlig unzureichend“.

Elektronischer Fahrplan führt in die Irre

Zuvor hatten der Spandauer Bezirksbürgermeister und die Verantwortlichen in den Rathäusern von Hennigsdorf und Strausberg das Verhalten der S-Bahn scharf kritisiert. Wie berichtet, ist die BVG aus Mangel an Personal und Fahrzeugen nur zu minimalen Verstärkungen des Angebots in der Lage. Bekanntlich kämpft auch die BVG vor allem im Busbereich mit Ausfällen.

Planbar sind Fahrten in Berlin nicht mehr. Denn die elektronische Fahrplanauskunft geht unverdrossen vom normalen S-Bahn-Angebot aus. Die S-Bahn warnt deshalb vor dem Gebrauch.

Quelle: Tagesspiegel
  • 04.01.2011, 14:11 UhrAnonymer Benutzer: Mariana Mayer

    Lieber bürger, ich ordne ganz gezielt zu und mache damit auf die kommenden Schwierigkeiten aufmerksam.

    Weil im Projekt S21 werden diese hier aufkommenden Schwierigkeiten die es hier gibt, die S-bahn Verspätungen etc. nicht besprochen.

    Zudem sind die Auftraggeber immer der Staat, der bund etc. Es geht hier 3 Etagen darübergeordnet immer um den gleichen Sachverhalt und die gleichen Ämter oder andere instanzen, Verkehrsminister etc. die die Verantwortung tragen.

  • 04.01.2011, 09:51 UhrAnonymer Benutzer: Bürger

    @Mariana Mayer:
    Liebe Frau Mayer, was interessiert ein berliner Pendler, wenn seine S-bahn nicht kommt? Nichts. Der ärgert sich nämlich eben über die nicht kommende S-bahn. bitte ordnen Sie ihre Kommentare richtig zu.

    Ach ja, die Mehrheit der bürger ist für S21.

  • 03.01.2011, 22:52 UhrAnonymer Benutzer: Holzwurm

    So ein Desaster hat nicht einmal die Rote Armee anrichten können, 1945 fuhren nach dem Krieg mehr Wagen auf der berliner S-bahn! Aber so ist es wahrscheinlich wenn bWLer mal Eisenbahn spielen.

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