25 Jahre TGV
Wie ein Zug ein Land verändert hat

Vor 25 Jahren sauste der erste TGV-Schnellzug durch Frankreich. Für die Staatsbahn SNCF ist die Entwicklung des Schnellzuges ein wirtschaftlicher Glücksfall – und für Frankreich ein nationales Symbol und technologisches Vorzeigeobjekt.

PARIS. Zu Beginn waren sie orange. Und schnell, sehr schnell sogar: Mit 260 km/h rauschten sie durch das Land. Heute sind sie zumeist silber. Und noch schneller: Sie hängen mit 320 Stundenkilometern jedes Auto ab: Die Rede ist von Frankreichs Schnellzug TGV, das Kürzel steht für „Train à grande vitesse“. An diesem Wochenende feierte die Staatsbahn SNCF mit einer „Très Grande Fête“ am Pariser Trocadero den 25. Geburtstag seines Paradezuges.

Der TGV, der von Alstom gebaut wird, zählt heute zu Frankreichs Industrie-Symbolen wie die Ariane-Rakete oder der Airbus. Die Schnellverbindungen zu Städten wie Lyon oder Lille haben in den Zielregionen zur Immobilienhausse beigetragen. Im Inlandsverkehr hat der Zug längst Air France abgehängt. Und für die Staatsbahn SNCF ist der TGV das wirtschaftliche Zugpferd geworden. Ex-Bahn-Chef Louis Gallois sagte einmal sogar: „Ohne den TGV gäbe es die SNCF heute nicht mehr.“ Mit dem Turbo-Zug macht die Bahn heute 70 Prozent ihres Umsatzes im überregionalen Personenverkehr.

Wie bei vielen Innovationen mussten die Väter des Superzuges zu Beginn gegen Skeptiker kämpfen. Als die SNCF-Ingenieure Ende der 60er Jahre dem damaligen Premierminister Couve de Murville das Projekt vorstellten, hat es dieser nur abfällig als „Dummheit“ bezeichnet und drohte damit, die Forschungsabteilung der Bahn dicht zu machen.

Doch Anfang der 70er Jahre kannte der Fortschrittsglaube keine (Geschwindigkeits)-Grenzen; 1974 gab Staatspräsident Georges Pompidou grünes Licht für die Entwicklung. Der erste TGV donnerte dann am 21. September 1981 durch Frankreich und benötigte für die 417 Kilometer zwischen Paris und Lyon ganze zwei Stunden. In 25 Jahren hat das Projekt TGV insgesamt 22,5 Mrd. Euro verschlungen. Für die SNCF rechnet sich der Schnellzug deshalb so gut, weil der Bahn heute nicht mehr das teure Schienennetz gehört. Es wurde 1997 aus dem Bahnkonzern nebst 20,5 Mrd. Euro Schulden herausgelöst und auf die staatliche Netz-Gesellschaft Réseau Ferré de France übertragen. Ansonsten hätte der französischen Bahn der Zusammenbruch gedroht.

Der Zug hat das Land verändert: Franzosen sprechen in Bezug auf Städte-Entfernungen nicht mehr in Kilometern, sondern in TGV-Fahrtzeit. 45 000 Pendler kommen mit dem Zug jeden Tag aus entfernten Städten wie Tours, Le Man oder Lille nach Paris zu Arbeit. „Die Leute kaufen lieber ein Haus mit Garten in einer Stunde Zugweite von Paris entfernt als direkt in Paris eine kleine Wohnung zu nehmen“ heißt es beim Immobilienmakler FNAIM. Niemand sorgt sich wegen der hohen Geschwindigkeiten: In 25 Jahren gab es keinen tödlichen Unfall.

Ab Juni fährt der Superzug auch nach Deutschland und verbindet Paris via Straßburg mit Frankfurt in drei Stunden und 40 Minuten. Air France rechnet damit, dass auf der Strecke Paris-Straßburg das Passagieraufkommen um die Hälfte sinken wird. Airline-Chef Jean-Cyril Spinetta erwägt daher ernsthaft, eigene TGVs in seinen Konzernfarben auf die Schiene zu schicken, wenn der Bahn-Sektor einmal für den Wettbewerb geöffnet ist.

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