Air-France
Absturz-Ermittler hält kuriose Pressekonferenz ab

Zwei Wochen nach dem Absturz der Air-France-Maschine im Atlantik wollen die Angehörigen der 228 Todesopfer endlich erfahren, wie es zu dem Drama kommen konnte. Doch Chefermittler Paul-Louis Arslanian lässt sich auf der Pressekonferenz am Mittwoch nur mühsam ein paar Details entlocken. Dafür überrascht er umso mehr mit seinem barocken Stil.

PARIS. „Ich glaube, dass wir uns langsamen unseren Ziel annähern“, orakelte der Leiter der französischen Untersuchungsbehörde BEA (Bureau d'enquêtes et d'analyses) vor der Weltpresse am Mittwoch im überfüllten Besprechungsraum seiner Behörde, die am Flughafen Le Bourget untergebracht ist. Das Ziel sei, „zu verstehen, wie es zu dem Unglück kam.“ Viel mehr ist ihm über den Flug AF 447 von Rio de Janeiro mit Ziel Paris nicht zu entlocken – allen hartnäckigen Nachfragen zum Trotz.

Kurz nach zehn, im Besprechungsraum der BEA am Flughafen Le Bourget. Behörden-Chef Arslanian betritt den Saal: ein älterer Herr mit weißem Haar und etwas aufgedunsenem Gesicht. Die Krawatte ist gelockert, aus der Sakko-Tasche seines blauen Anzugs ragt der Bügel seiner Brille. Die Fotografen stürzen sich auf ihn. „Lassen Sie die Herren nur machen, die müssen auch nur ihr Brot verdienen“, bemerkt der BEA-Chef in Richtung seiner Mitarbeiter.

Und verpasst den wartenden Journalisten gleich eine kalte Dusche: „Ich habe heute keine besonderen Elemente zu verkünden“, ruft er in den Saal. Enttäuschte Gesichter. Doch sogleich weiß Arslanian die Spannung wieder aufzubauen: „Die einzig verlässlichen Informationen, die Sie erfahren können, stammen von uns. Alles andere könnte falsch oder unvollständig zu sein, und droht lediglich, die Verwirrung zu erhöhen.“

Womit er in einem Handstreich alle Erklärungsversuche, die durch die Presse geistern, vom Tisch gewischt hat. Wie etwa die These, dass die ausgefallenen Geschwindigkeitsmesser des Airbus A330 eine Absturzursache gewesen sei. Aber eigene Erklärungen für den Absturz hat die BEA derzeit auch nicht zu bieten.

Das erscheint verständlich: Denn die Aufgabe, vor der die Ermittler stehen, ist immens: Mit mathematischer Genauigkeit fahren Tag und Nacht U-Boote und Schlepper, die hochempfindliche Spezialmikrofone der US-Navy an Kilometer langen Kabeln hinter sich her ziehen, das Suchgebiet ab. Und das ist rund 17 000 Quadratkilometer groß. Das entspricht der Hälfte der Fläche von Nordrhein-Westfalen. Ihr Ziel: Die so genannten Black Box zu finden, die die Pilotengespräche aufzeichnet und alle wichtigen Flugzeugdaten speichert.

Das Problem: Die Datenboxen werden irgendwo auf dem unterirdischen Gebirgszug vermutet, der von Süd nach Nord den Atlantik durchquert. „Das ist wie auf dem Andenrücken“, erklärt ein BEA-Experte. Die Höhenunterschiede reichen von 864 Meter Tiefe bis zu 4606 Metern Tiefe. Dabei reicht das Signal der Blackbox ganze zwei Kilometer weit – und sendet zudem zuverlässig nur 30 Tage lang, sprich nur noch knapp zwei Wochen.

Die Box sendet jede Sekunde ein Signal von 37,5 Kilohertz; Chefermittler Arslanian lässt vorspielen, wie sich das anhört: „Klack, klack, klack“, tönt es aus den Lautsprechern. Es klingt, als ob jemand mit dem Fingerknöchel auf eine Tischplatte klopft.

Doch was die BEA-Experten aus den mittlerweile 400 geborgenen Wrackteilen und dem Zustand der gefundenen Toten über die Absturzursache heraus lesen konnte – kein Kommentar. Schuld seien die Brasilianer: „Die Ergebnisse der Autopsie aus Brasilien liegen uns noch nicht vor.“ Und der von der BEA entsandte Gerichtsmediziner habe nicht an der Untersuchung der Toten teilnehmen dürfen, ärgert sich der BEA-Chef. „Ich erwarte hierzu noch Erklärungen“, raunzt Arslanian.

Bei der Frage und Antwort-Runde sammelt BEA-Chef pro Runde ein halbes Dutzend Fragen ein, und lässt die Journalisten nicht einmal ausreden: „Ich weiß, was sie fragen wollen“, unterbricht er, und nimmt gleich den nächsten Kollegen dran.

Zum Teil bekommen seine Nicht-Auskünfte zynische Züge. Eine brasilianische Journalistin will wissen, ob die von der französischen Marine geborgenen Leichen nach Brasilien zu den anderen Toten gebracht werden, oder in einen anderen Hafen. „Nach Osten“, antwortet Arslanian nur. Und wiederholt gebetsmühlenhaft: „Derzeit wissen wir nicht, was passiert ist.“ Ende Juni will die BEA ihren ersten Zwischenbericht vorlegen. Hoffentlich steht da mehr drin.

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