Ambulanz am Flughafen Düsseldorf
Psychologen kurieren Flugangst

Die Angst vor dem Flugzeug kann jede Urlaubsreise zum Horror machen. Für manche sogar soweit, dass sie lieber tagelange Zugreisen auf sich nehmen, anstatt wenige Stunden in der Luft. Am Düsseldorfer Flughafen nimmt die deutschlandweit erste Flugangst-Ambulanz den Fluggästen die Angst vorm Abheben.

HB DÜSSELDORF. Drei Jahre lang ist Werner per Nachtzug und Schiff nach Mallorca in den Urlaub gereist. „Im Flugzeug habe ich das Gefühl, gläsernen Boden unter mir zu haben“, sagt er. Im Herbst hat der Geschäftsmann aus Hannover seiner Frau aber eine Reise über die Grenzen Europas hinaus versprochen - mit dem Flugzeug. Zuvor muss er nun seine Flugangst überwinden. Dazu hat sich Schulte in die Hände der deutschlandweit ersten Flugangst-Ambulanz am Düsseldorfer Airport begeben.

Die nordrhein-westfälische Filiale des deutschen Flugangstzentrums im rheinlandpfälzischen Bechenheim bietet in direkter Nähe zur Startbahn die Möglichkeit zu Last-Minute-Beratungen und auch längeren Einzelgesprächen. Gummibärchen und Schokoriegel liegen auf Beistelltischen neben den Entspannungssesseln. An der Wand weckt eine Weltkarte das Fernweh, und von der Fensterbank signalisieren Miniatur-Flugzeugmodelle Harmlosigkeit. In dieser Umgebung begrüßt der Psychologe Marc-Roman Trautmann in Ringelpulli und Jeans seine Patienten. Mit medizinischen Auskünften, Informationen über Technik, Sicherheit und Flughäfen sowie Entspannungsübungen will er die Angst vor dem Fliegen mindern.

Seit der Hochzeitsreise in den 80ern habe er Panik vor dem Abstürzen, berichtet ihm Werner, der seinen richtigen Namen nicht nennen will. Damals habe er in der Hektik eines tunesischen Flughafens beobachtet, wie die Maschine, mit der er später fliegen sollte, Landeschwierigkeiten hatte. „Seitdem habe ich mich vor dem Fliegen gedrückt“, so Werner. Als er sich Jahre später doch wieder an Bord eines Flugzeugs wagte, habe er Wochen vorher mit seinem Leben abgeschlossen.

Meist resultiere Flugangst aus Stress, erklärt ihm Traumann: „Fliegen bietet alles, was für den Menschen ungewöhnlich ist: Höhe, Druck, Enge, und man begibt sich in fremde Hände.“ So macht er bei Werner die Hektik auf dem afrikanischen Flughafen und einen kurz vorher erfolgten Berufswechsel für die Flugangst verantwortlich. „Der Flug hat diesen Stress dann bei ihnen über die Schmerzgrenze hinaus verstärkt“, sagt Trautmann. Statistisch gesehen leiden 16 Prozent der Deutschen unter Flugangst. Weitere 22 Prozent verspüren nach Angaben des Allensbacher Instituts für Demoskopie beim Fliegen Unbehagen.

Der Psychologe versucht Werner vor allem mit technischen Fakten die Angst vor dem Fliegen zu nehmen. Er erklärt, dass Luftlöcher eigentlich nur Wellen im Luftteppich und maximal wenige Meter tief sind und dass das Ausfallen aller Triebwerke eines Flugzeugs so wahrscheinlich sei, wie sechs Richtige im Lotto an drei aufeinander folgenden Samstagen. „Da wird so viel Blödsinn durch Hollywood-Filme transportiert“, sagt Trautmann.

Dem Hannoveraner Geschäftsmann vermittelt der Psychologe nach dem Einzelgespräch zusätzlich einen Termin in der Flugzeugwerft in Frankfurt. Dort soll er einen Flieger am Boden stehend mit all seinen Sicherheitsvorkehrungen kennenlernen. Werner wünscht sich zusätzlich einen von einem Psychologen begleiteten Flug. Auch das vermittelt die Flugangst-Ambulanz.

Ein 45-minütiges Einzelgespräch, wie es Werner wahrgenommen hat, kostet in der Flugangst-Ambulanz 25 Euro, kurze „Last Minute“-Gespräche sind kostenlos. „Das ist für Leute gedacht, die konkrete Fragen haben“, so Trautmann. Je nach Bedarf vermittelt die Ambulanz dann weitere Hilfe wie Gespräche mit einem Piloten oder ganze Wochenend-Seminare gegen Flugangst.

Bereits 30 Personen hat die Flugangst-Ambulanz in Düsseldorf seit Anfang August beraten. Besonders in den letzten Tagen nach der vereitelten Anschlagserie auf Passagierflugzeuge in Großbritannien sei die Nachfrage noch einmal sprunghaft gestiegen, berichtet Trautmann. „Viele zweifeln jetzt an der Sicherheit von Flugzeugen.“ Dabei habe die Tatsache, dass die Attentate verhindert wurden, doch gezeigt, wie hoch die Sicherheitsstandards sind. „Wir versuchen das unseren Patienten als etwas Positives zu vermitteln“, sagt Trautmann.

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