Auf Wanderschaft
Vom Kopf auf die Füße

Wer seinem Kontrollzentrum eine Auszeit gönnen will, wandere. Ebenen, Täler, milde Gebirgszüge, Flecken, Dörfer, Siedlungen. Rund drei Wochen lang dauert ein Marsch von Berlin nach München. Der Wanderstock diktiert den Marschrhythmus und die Seele hat Zeit zum Entspannen.

Keiner hat’s gehört. Deswegen hier mein Bekenntnis: Jawohl, ich habe unterwegs gesungen. „Oh, when the saints go marching in“ beispielsweise oder „Heute hier, morgen dort“. Einmal sogar „Das Wandern ist des Müllers Lust“, was womöglich etwas schrecklich ausfiel, weil ein entgegenkommender Autofahrer kräftig hupte.

Vielleicht wollte er mich aber nur aufmuntern, nachdem das Felsenlabyrinth Luisenstadt endlich durchklettert und die Kösseine überwunden war – ein Berg, der immerhin 936 Meter hoch ist und das Fichtelgebirge vor dem oberfränkischen Wunsiedel überragt. Wer einigermaßen schnurstracks von Berlin nach München wandert, muss sie erklimmen. Die Kösseine mit dem komischen Namen. Und einige Hindernisse überwinden. Denn wer den direkten Weg wählt, wählt manchmal den beschwerlichen.

Der Wanderstock diktiert den Marschrhythmus

Ebenen, Täler, milde Gebirgszüge, Flecken, Dörfer, Siedlungen. Rund drei Wochen lang dauert solch eine „Fußreise“ (Hermann Hesse) für den, der mal 30 Kilometer täglich unter die Wanderstiefel nimmt, im Einzelfall 40 Kilometer oder, zugegeben, auch schon mal kurze Strecken per Bus oder Bahn.

Wer zehn Stunden täglich Schritt vor Schritt setzt, den Wanderstock dabei vieltausendfach den Marschrhythmus klopfen lässt, tack, tack, tack und tack, der spürt bald, dass Deutschland die Summe von Landschaften ist, deren Vielfalt sich in der Langsamkeit des Gehens wundersam erschließt.

Wer wandert, beugt sich mit der Zeit dem Rhythmus der Provinz, die sich nie spektakulär gibt, bisweilen sogar öde ist, aber immer die Neugier auf das Schauen und Hören beflügelt, und sei es in die eigene Eigentlichkeit. Gehen ist reich erlebtes Reisen, gerade dann, wenn der Weg an Spektakeln arm ist

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