Autobahn
Mit Vollgas von Dresden nach Prag

Mit der feierlichen Eröffnung der Autobahn Dresden-Prag geht am kommenden Donnerstag (21. Dezember) eines der bedeutendsten bilateralen Prestigeprojekte von Deutschland und Tschechien in Betrieb. Lokale Unternehmer hoffen dank der neuen Schnellstraße auf bessere Geschäfte, und Kommunen erwarten ein Ende des dröhnenden Schwerlastverkehrs. Ein drängender Wunsch nordböhmischer Gemeinden bleibt aber vermutlich zunächst unerfüllt: Das oft als „längster Straßenstrich Europas“ bezeichnete Rotlichtmilieu der Region wird wohl nicht so schnell verschwinden.

HB PRAG. Das sieht auch Milan Knotek so, Sprecher der Verwaltung von Usti nad Labem (Aussig). „Unserer Stadt wird die neue Autobahn nicht nur wegen eines noch fehlenden Teilstücks viel mehr Lastwagen bringen“, bedauert er, „sondern sie wird auch mit Sicherheit das Sexgewerbe in unsere Gegend locken.“ Zwangsprostitution, Geldwäsche, Drogenhandel: Im böhmischen Randgebiet zu Deutschland blüht seit der politischen Wende von 1989 nicht nur der seriöse grenzüberschreitende Handel, sondern besonders auch das organisierte Verbrechen. Von trauriger Berühmtheit ist vor allem die Europastraße E55, die sich vom sächsischen Übergang Zinnwald in die tschechische Hauptstadt windet.

Als Beispiel gilt hier Dubi (Eichwald), das etwa fünf Kilometer nördlich von Teplice direkt an der E55 liegt. Einst ein respektierter Kurort, ist die Kleinstadt in den vergangenen 15 Jahren zu einem Eldorado des Sextourismus geworden. Zweifelhafte Amüsierbetriebe namens „Siesta“ oder „Eden“ prägen das Bild. Mit der Freigabe der Autobahn, die dann einige Kilometer entfernt verläuft, werde die Szene Dubi größtenteils verlassen und dorthin ziehen, ist sich Bürgermeisterin Ilona Smitkova sicher: „Usti nad Labem ist dann nicht zu beneiden. Aber unsere Stadt bekommt endlich die Chance, auch als Ort kunstvoller Porzellanproduktion wahrgenommen zu werden.“

Ganz werde das Rotlichtmilieu, das in Nordböhmen nach Recherchen tschechischer Zeitungen in Hand einer Mafia aus Russland und dem Balkan ist, den Raum Dubi aber nicht verlassen, ist Smitkova klar. Denn trotz der rückläufigen Zahl hauptsächlich deutscher Kunden lohnt sich das Geschäft mit der Lust. Nach Angaben des Staatlichen Statistikamtes in Prag bescheren Sex-Touristen dem Gewerbe in Tschechien einen Tagesumsatz von durchschnittlich rund 850 000 Euro.

Die Folge sind vielerorts nicht nur Zwangsprostitution und Geschlechtskrankheiten, sondern auch ungewollte Schwangerschaften - dies beweisen die „Kinder der E55“ in einem Waisenhaus in Teplice. Bis auf eine etwa 16,5 Kilometer lange Trasse durch das böhmische Mittelgebirge, deren Bau von Klagen der Umweltschützer blockiert ist, wird die Autobahn nun endlich nach jahrelangem Tauziehen um den Streckenverlauf befahrbar sein. Vor allem Nordböhmen, dem die Nachkriegsvertreibung der Deutschen zehntausende Fachkräfte raubte, sehnte die Verkehrsader herbei. Das dortige Rotlichtmilieu sei auch eine Folge dieser Strukturschwäche, glauben viele Gemeinden in Tschechien. Und sie hoffen, dass über den frischen Asphalt nicht nur Kundschaft für Nachtclubs, sondern auch seriöses Kapital heranrollt.

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