Bambi-Verleihung
Der schleichende Tod des Medienpreises

Überraschungen? Fehlanzeige. Wenn Programm und Preisträger nur noch ungewollt für Gesprächsstoff sorgen, steht das gesamte Format der Medienpreisverleihungen auf dem Prüfstand. Egal, was die Quoten sagen. Ein Kommentar.
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DüsseldorfGlatte sechs Millionen Zuschauer schalteten am Donnerstagabend ein, um den Galaabend anlässlich der diesjährigen Verleihung des Medienpreises Bambi. So viele, wie seit 2006 nicht mehr – Bushido sei Dank. Eine Million Menschen mehr als 2010 sahen die Preisverleihung. Die Branchendienste sind sich sicher, dass dies auf das Prinzip „jede PR ist gute PR“ zurückzuführen ist.

Tatsächlich gewann die Bambi-Gala durch die im Vorfeld geführte Debatte ungeahnte Brisanz. Bushido, der geläuterte Rap-Bösewicht, der sich mittlerweile gern als gereifter Künstler und Geschäftsmann gibt, erhielt den Preis in der Kategorie Integration. Bushido, der einst Hasstiraden gegen Frauen und Andersdenkende auf Platte presste. Die Wahl zeige, stellte unter anderem Spiegel Online fest, wie sehr sich die Bambi-Welt des Burda-Verlags von der Realität entfernt habe. Und es zeigt auch, dass der Bambi, und der Großteil der deutschen Medienpreise, zum Selbstzweck verkommen ist.

Lady Gaga, Justin Bieber, Bushido, Helmut Schmidt, Ruth Maria Kubitschek – die Auswahl der Preisträger war nicht Fisch, nicht Fleisch. Seit 1948 wird der Preis vergeben, über Jahrzehnte konnten sich Mutti und Vati in den Fernsehsessel schmiegen und wussten, was auf sie zukam. Mit den Biebers und Gagas dieser Welt kann die ältere Zielgruppe nichts anfangen. In der begehrten Zielgruppe zwischen 14 und 49 schalteten allerdings nur 1,41 Millionen ein. Das Konzept dahinter ist jedoch klar: Fast willkürlich werden von der Jury Berühmtheiten aus dem Hut gezaubert, die den Zuschauer mit der Illusion von Relevanz täuschen. Denn „stating the obvious“, das Offensichtliche feststellen, allein ist kein Kriterium für einen bedeutsamen Preis.

Diese „Selbstbefruchtung“ ist in hohem Maß charakterisierend für deutsche Medienpreise. Gegen Verkaufszahlen und Einschaltquoten, gegen Popularität wird selten entschieden. Nicht umsonst hat Marcel Reich-Ranicki 2008 den Deutschen Fernsehpreis vor laufenden Kameras abgelehnt, Die Toten Hosen einst beim Viva Cometen für den tollen Türstopper bedankt. Beim Deutschen Comedypreis klopfen sich ARD, ZDF, RTL und Prosieben/Sat1 gegenseitig auf die Schulter, zeichnen sich brav gegenseitig aus. Die Goldene Kamera sahen trotz des Comebacks von Monica Lierhaus keine vier Millionen Zuschauer. Der Echo landete in diesem Jahr bei gut 3,5 Millionen.

Die Preisverleihungen leben vom Pomp des Roten Teppichs, von ihren Moderatoren und den Künstlern, die auftreten. Von Überraschungen leben sie allerdings nicht. Wenn Johannes Heesters Jahr für Jahr einen Ehrenpreis bekommt, weil er, ohne respektlos sein zu wollen, ein weiteres Jahr durchgehalten hat, muss sich die Jury den Vorwurf der Selbstreferenz gefallen lassen.

Das Prinzip Medienpreis in seiner derzeitigen Form ist akut vom Aussterben bedroht – nur in den Köpfen der Macher ist das noch nicht angekommen.

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