Berliner Café Einstein
E=m2 oder Fluchtpunkt Caféhaus

Am Meridian der Politik: Im Berliner Café Einstein treffen sich alle, die Öffentlichkeit suchen, um Vertrauliches geheim zu halten. Und Publikum brauchen, um unter sich zu sein.

HB BERLIN.Acht geschlagene Stunden saß er neulich hier in seiner Uniform: Jeans, weißes Hemd, Turnschuhe. Zum Opernregisseur avanciert, harrte der Filmmann Bernd Eichinger auf einer der mit kaffeebraunem Schuhleder bespannten Bänke der Rezensionen seiner „Parzival“-Inszenierung an der Linden-Oper. Zwei Dutzend Nobelpreisträger schauten ihm von den Wänden herab dabei zu. Acht Stunden lang goss der zunehmend nervöser werdende Hüne Getränke in sich hinein, wartend auf dann unerfreuliche Rezensionen: Acht Stunden, das hält man nur im Einstein aus.

Denn das Einstein ist selbst eine Inszenierung. Eine Bühne mit stündlichen Uraufführungen, aber ohne festes Ensemble. Mit einem ständig wechselnden Programm, doch vor fast immer vollen Rängen. Diesmal war der Eichinger der Hauptdarsteller. Lange vor ihm waren es Salman Rushdie, der stundenlang unerkannte Arthur Miller oder der auffällige Dennis Hopper. Und morgen könnten es Gerhard Schröder, Bill Clinton, Wim Wenders oder Lou Reed sein.

Begehbares Kunstwerk

Das kommt nicht von ungefähr. Das kommt von Gerald Uhlig. Der 52-Jährige inszeniert tagtäglich sein Caféhaus. Er, Veranstalter und Impresario in einem, macht es zu einem "begehbaren Kunstwerk", wie er sagt. In seinem Panoptikum treten tagtäglich auf: Politiker, Lobbyisten, Künstler, Journalisten und jede Menge Komparsen.

Uhlig hat sein Metier genauestens gelernt: den Schauspieler im Max-Reinhardt-Seminar in Wien, den Regisseur am Frankfurter Theater am Turm, der Freien Volksbühne in Berlin oder dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Auch die Uraufführung eines wilden Stückes von Yoko Ono („New York Story“), der John Lennon-Witwe, hat er inszeniert. Seit 1996 ist das Einstein dran, sein Monumentalkunstwerk. Und die aktuelle „Nobelpreisträger“-Ausstellung ist nur die letzte seiner meist grandiosen Foto-Schauen.

Unlängst war Helmut Kohl Teil der Nummernrevue im Einstein. Gleich zweimal Anfang April, quasi im Vorgriff zu seinem 75. Geburtstag. Erst allein, als Solist in der Generalprobe, dann mit seinem Familien-Ensemble, seinen beiden Söhnen. Glücklicherweise stieß er bei der Ortsbesichtigung weder auf die aktuelle CDU-Chefin Angela Merkel noch auf den regierenden „Sozen“, Kanzler Schröder. Denn auch die treffen sich hier mit ihresgleichen: mit allen, die Öffentlichkeit suchen, um Vertrauliches geheim zu halten, und Publikum brauchen, um unter sich zu sein.

Das ausgerechnet hier: direkt neben der US-Botschaft, vis-à-vis der Russen-Botschaft und der Komischen Oper, unweit von Reichstag und Brandenburger Tor.

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