Berliner Ost-Charme: Hotel „Unter den Linden“ wird abgerissen

Berliner Ost-Charme
Hotel „Unter den Linden“ wird abgerissen

Es war ein kostengünstiges Quartier im Herzen Berlins, das ein wenig Ost-Charme bewahrte. Nun muss das Hotel „Unter den Linden“ den Baggern weichen. Der neue Eigentümer will an dem Standort ein Gebäudeensemble errichten.

HB BERLIN. In wenigen Wochen sollen an der Kreuzung des Boulevards Unter den Linden mit der Friedrichstraße die Bagger anrollen und das Plattenbau-Hotel aus DDR-Zeiten abreißen. Auch wenn das 3-Sterne-Haus keine Schönheit ist und seine Prominenz nicht an den Palast der Republik heranreicht, trauern viele Touristen dem Hotel nach. In den 60er Jahren von der DDR für Diplomaten, SED- Funktionäre und prominente Gäste gebaut, hatte das Haus nach der Wende eine Nische gefunden.

Der Standort in prominenter Lage war bei Investoren begehrt. Neue Eigentümerin ist die Munich Ergo Asset Management GmbH, eine Tochter der Münchner Rückversicherung, die dort ein Gebäudeensemble errichten will. Das klamme Land Berlin verdiente als Mit-Eigentümer gut am Verkauf. „Es war ein Millionen-Geschäft“, sagt Irina Dähne, Sprecherin des Liegenschaftsfonds. Die Nennung der Kaufsumme habe sich der Investor verbeten.

In der Lobby des Hotels ist die Stimmung gedrückt. „Unseren Gästen tut der Abriss wirklich leid“, sagt eine junge Rezeptionistin leise. Auch die langjährigen Mitarbeiter seien wehmütig. Die Älteren können sich noch an die Anfangszeiten des DDR-Vorzeigehotels erinnern, das mit gepflegter und „niveauvoller“ Atmosphäre warb. Hier waren Botschafter eingezogen, deren Botschaft noch im Bau war, und hier gab es West-Künstler zu sehen wie Udo Jürgens, Caterina Valente - oder auch Karel Gott. Das Hotel war oft komplett ausgebucht und mit Zimmerpreisen von 100 Ost- Mark vor der Wende alles andere als billig.

Nun stemmen andere Gäste alle paar Minuten die schweren goldfarbenen Türen der Lobby auf: Studenten und Senioren, Reisegruppen oder Familien. Wo gibt es schon Zimmer ab 57 Euro, in dieser Lage? Die Berliner Geschichte liegt direkt vor der Tür. Die Kreuzung zur Friedrichstraße war für Flaneure schon immer eine Augenweide: Mitte des 19. Jahrhunderts eröffnete das berühmte Café Kranzler an der Südwest-Ecke und stellte als kleine Gastronomie- Revolution Stühle auf den Bürgersteig. Es galt: sehen und gesehen werden. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Kreuzung bereits an drei Ecken mit Cafés besetzt. Eines gehörte zum Hotel Victoria, dem Vorgänger des heutigen Plattenbau-Hotels.

An der Ecke Unter den Linden zeigt sich bis heute das Tempo Berlins. Doppeldecker-Busse brausen die Allee entlang, Touristen- Autos werden gnadenlos weggehupt. Fußgänger müssen sich sputen, um es in einer Ampelphase über den Boulevard zu schaffen. Noch mehr als die Straßen wandelten sich die Gebäude. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg entstanden Mitte der 60er Jahre das Caféhaus Lindencorso und das Hotel Unter den Linden in pragmatischer Sozialismus-Architektur. Davor blieben Plätze mit Blumenrabatten.

Nach der Wende sollte die Friedrichstraße dem West-Berliner Ku- Damm Konkurrenz machen. Mit der Galerie Lafayette und den noblen Einkaufsquartieren nahe dem Gendarmenmarkt erstand auch der Lindencorso als mächtiger Neubau wieder. Statt Cafés ziehen nun Auto- Showrooms die Blicke an. An den anderen Ecken der Kreuzung werben die Königlich Preußische Porzellanmanufaktur und die Telekom.

Der Neubau auf dem Grundstück des Linden-Hotels soll bis an die Friedrichstraße heranreichen. Der Vorplatz mit 14 Bäumen verschwindet. Doch bis es so weit ist, gibt es wie so oft in Berlin eine „Zwischennutzung“. Nach dem Abriss des Hotels soll zur Fußball- WM auf der Freifläche eine Riesen-Leinwand stehen.

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