Branson-Fluglinie Virgin America
Erfrischung in der Servicewüste

Virgin America ist angetreten, mit gutem Service die US-Konkurrenz anzugreifen. Die Fluglinie aus dem Reich des Unternehmers Richard Branson will seit langem die Servicewüste im inneramerikanischen Flugmarkt erfrischen, doch dummerweise ist der Virgin-Gründer Brite – und das ist ein veritables Problem.

NEW YORK. Zwar hält Branson der Ausländer-Regel entsprechend nur 25 Prozent an der Airline, während die Mehrheit des Kapitals bei zwei US-Fonds liegt. Doch die Lobbyisten von American und Continental Airlines wendeten sich vertrauensvoll und lange erfolgreich nach Washington und betonten, Virgin America sei keine wirklich amerikanische Firma. Die Flugbegleiter-Gewerkschaft AOFA sprach gar von einem „tödlichen Präzedenzfall“, der der ausländischen Konkurrenz Tür und Tor öffne.

Für Branson und den von ihm auserkorenen Vorstandschef Fred Reid wurde die Beton-Abwehr der darbenden US-Flugindustrie zum Hürdenlauf über den Wolken. Nach drei Jahren Vorbereitung und unendlich vielen Warteschleifen darf der frühere Lufthansa-Vorstand Reid endlich abheben: mit neuen Airbus-Jets, einem umfangreichen Unterhaltungssystem sowie weißen Ledersitzen in der First Class. Virgin America beginnt seine Operation am heutigen Mittwoch mit Flügen von der Heimatbasis San Francisco nach New York, Washington, Los Angeles und Las Vegas. Erster Kampfpreis: 44 Dollar für Kurzstrecken, 139 Dollar für Flüge von der West- an die Ostküste. In einem Interview mit dem Nachrichtenkanal Marketwatch betonte Reid, die Fluglinie konzentriere sich auf das Flugerlebnis der Kunden sowie eine „gute menschliche Behandlung“. Schon das ist ein Differenzierungsmerkmal in einem Markt, dessen Serviceniveau sich im Sommer 2007 einem Allzeittief nähert: Die Fluglinien sind nach Milliardenverlusten heruntergespart, das Personal überfordert, die Jets veraltet und die Flughäfen angesichts robust wachsender Passagierzahlen verstopft. Das US-Verkehrsministerium teilte zu Wochenbeginn mit, die erste Jahreshälfte sei in Sachen Verspätungen die schlechteste gewesen seit Beginn detaillierter Aufzeichnungen vor 13 Jahren.

Das Virgin-Angebot muss für den gestressten US-Vielflieger wie Musik in den Ohren klingen, dennoch wird der Start des nächsten Branson-Ablegers von Skepsis begleitet: Jetblue begann 2000 mit einem ähnlichen Qualitätskonzept als Kundenliebling und Börsenstar. Inzwischen fliegt der New Yorker Billigflieger am Rande der Verlustzone und an der Spitze der Unzuverlässigen: Im Februar strich die Firma 1 200 Flüge, weil ihre allzu schlanke Organisation kollabierte.

Virgin muss das Gegenteil beweisen – gegen alle Widerstände und bald auch ohne Fred Reid. Der Vorstandschef verlässt die Firma Ende November, weil es das US-Verkehrsministerium verlangt. Begründung: Reid arbeite auf Weisung von Branson – dem Ausländer.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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