Côte d’Azur: Karnevalsmuffel bitte nicht drängeln

Côte d’Azur
Karnevalsmuffel bitte nicht drängeln

Faschingsflüchtlinge erwartet an der Côte d’Azur ein anderes Spektakel: Denn in Nizza schminkt sich niemand, zumindest nicht zum Umzug. Auch wenn der ein oder andere in der Karnevalszeit durchaus als kostümiert durchgehen würde. Dafür kommt König Karneval im Rolls-Royce.

DÜSSELDORF. Nicht nur im Rheinland gibt es Karnevalsmuffel. Eric Pasquier verzieht das Gesicht: „Karneval in Nizza – bah!“ Das vernichtende Urteil des Top-Fotografen mag daran liegen, dass er sonst in Indonesien Bullenrennen ablichtet oder mit chinesischen Juden in Schanghai Pessach feiert. Karneval in Nizza ist ihm zu schräg. Und – Pasquier ist Pariser.

Trotzdem genießt er die Aussicht von der Terrasse des Negresco. Seiner Meinung nach der einzig stilvolle Ort in „Nice“. „Es gibt die Promenade des Anglais, genau vor dem Negresco, es gibt ein wenig Altstadt – c’est tout“, seufzt der Weitgereiste. Gut, in Juan-les-Pins gibt es die schöneren Strände, mehr Kultur in Menton, in Cap d’Antibes die dickeren Villen. Aber wer nach Nizza kommt, um in den anderen Orten das Schöne zu finden, ist – mit Verlaub – auf einem Auge blöd. Allein das Gebäude des Museums für asiatische Kunst – der Entwurf des großartigen Kenzo Tange – ist ein Traum, ein unwirklicher Eisberg am Mittelmeer. Oder gar der Bau von Yves Bayard, das Museum für moderne Kunst. Innen wie außen ein Kunstgenuss.

Eric Pasquier findet das alles nicht spektakulär, aber er ist auch kein Freund der Moderne. Ihm gefällt es eher, bei einem Weißwein aus der Region und Tartar de la mer auf der Terrasse des Maisons de Marie die Zeit dahinplätschern zu lassen. Außergewöhnlich ist diese Attitüde für die Côte nicht. Die Terrassen wechseln, aber die Besetzung bleibt. In Nizza beherrscht ein Typus Frau das Bild, der sich wohl nur für diese Region erfunden hat: Superblond, vom Hals abwärts jedoch haarfrei und, sei es durch Botox, Lifting oder Juwelen, alterslos mumifiziert. Lebendig erscheinen lediglich die kleinen, sorgfältig geschmückten Hunde an ihrer Seite.

Hund und Herrin könnten in der Karnevalszeit durchaus als kostümiert durchgehen, nur – in Nizza schminkt sich niemand zum Umzug. Die bützchenfreie Zone in Nizza hat nichts mit den bekannten Auswüchsen rheinischer Volksekstase zu tun. 1294 hatte Charles d’Anjou, Graf der Provence, die lustigen Karnevalstage in Nizza verbracht. Seit 1830 ziehen die Nizzaer durch die Stadt (den Kölner Rosenmontagszug gibt es nur sieben Jahre länger), und seit 1873 gibt es ein Festkomitee. In puncto Stilfragen liegt Nizza deutlich vor Köln: Zum mondänen Spektakel gehört ein Blumenkorso, der Karnevalsprinz ist ein König, und dieses Jahr, bei der 123. Auflage, ist er „Der König des sehr großen Gedränges“, so das offizielle Motto für den Start der Feierlichkeiten am 16. Februar. Dabei wird gar nicht gedrängelt. Die Gäste des Spektakels sitzen auf Tribünen, wenn seine Majestät die Route im Rolls-Royce erfährt – übrigens ganz in der Nähe des Negresco über die Promenade des Anglais. Karnevalsmuffel wie Eric Pasquier schließen dann einfach kurz die Fenster.

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