Das Unverwasserfieber geht um
Schönes Schweben

„Wer nicht getaucht hat, hat nicht gelebt“ - sagte Leni Riefenstahl. Viele Manager wollen leben.

Frank Hippen ist ein nahezu klassischer Fall. Neun Kumpels aus seinem Bekanntenkreis fragten den Unternehmer (39) Ende 1996, ob er nicht eine Woche mit in Tauchurlaub fahren wolle, auf Kreuzfahrt im Roten Meer. Er wollte.

„Ende Oktober habe ich in der Ostsee an einem Wochenende in einem Crash-Kurs meinen Tauchschein gemacht, der war Voraussetzung für den Trip. Dann ging’s schon los“. Und seitdem ist auch er infiziert vom Unterwasserfieber. Neben dem Spaß auf einer solchen Reise und dem Artenreichtum dort unter Wasser faszinierte ihn vor allen eines: „Das ist schon fast meditativ, so durch die Gegend zu schweben“, sagt der Geschäftsführende Gesellschafter von 3W Membership Marketing GmbH, einem Bielefelder Unternehmen für Kundenprogramme und Kundenclubs.

Damit liegt Hippen voll im demografischen Trend. Der Professional Association of Diving Instructors (Padi), der größte kommerzielle Tauchverband der Erdoberfläche, prüft nach eigenen Angaben gut jeden zweiten Taucher weltweit. Die sind im Durchschnitt 36 Jahre alt, zu 72 Prozent männlich, 39 Prozent haben eine leitende Position inne oder sind in der Lehre tätig. Jeder zweite hat einen College-Abschluss, 58 Prozent sind verheiratet, und 62 Prozent verdienen jährlich über 50 000 US-Dollar.

Immer mehr Menschen interessieren sich für diese Sportart. Die vielleicht bekannteste deutsche Hobbytaucherin ist Leni Riefenstahl. Erst mit 72 ging die umstrittene Regisseurin das erste Mal unter Wasser. Sie wird mit dem Ausspruch zitiert: „Wer nicht getaucht hat, hat nicht gelebt.“

Das Gefühl der Schwerelosigkeit, das Bewegen im dreidimensionalen Raum, das Verständnis für ökologische Zusammenhänge, das Bestaunen der Flora und Fauna etwa der Galapagosinseln sorgen für eine abwechslungsreiche Entspannung. „Gerade gestresste Leute, die im Urlaub total aussteigen wollen, lieben das Tauchen“, sagt Jürgen Warnecke, Vizepräsident des Verbandes Deutscher Tauchsportlehrer (VDST) und Geschäftsführer einer Werbeagentur und Messebaufirma bei Offenbach.

Umstritten ist die Frage, wo bisherige Landratten ihre ersten Tauchgänge absolvieren sollten. In Deutschland oder direkt im Urlaub? Alles eine Frage der Sichtweise und der Interessen: „Dies sollte in Deutschland gemacht werden“, sagt Warnecke vom nicht-kommerziellen VDST, in dem rund 900 Vereine und insgesamt 80 000 Mitglieder organisiert sind. Ein solcher Kurs dauert sechs Wochen bis drei Monate und endet beim VDST mit dem Bronzeabzeichen des Weltverbandes CMAS. Dieser Schein berechtigt weltweit dazu, sich die Meeresoberfläche von unten anzusehen. „Im Urlaubsort geht alles meist sehr schnell, und es wird nur das absolut Notwendige vermittelt.“

Oft entscheiden sich Urlauber erst vor Ort spontan für einen Kurs. Spätestens dann, wenn sie merken, dass es sonst auf den Malediven nicht viel zu tun gibt – das Robinson-Crusoe-Dilemma. 95 Prozent aller Leute, die ein Schnuppertauchen machen, machen weiter oder buchen eine Tauchkreuzfahrt: nicht zuletzt, weil das Handy garantiert keinen Empfang hat.

Ob im Urlaub oder noch zu Hause, auf jeden Fall muss der Tauchwillige sich erst einmal ärztlich durchchecken lassen. „Keine renommierte Tauchbasis nimmt Leute an, die nicht ärztlich untersucht worden sind“, sagt Hans-Joachim Roggenbach, Buchautor, Taucharzt und Verbandsarzt des VDST. Eine solche Untersuchung kostet beim Hausarzt zwischen 100 und 150 Euro, auf eigene Rechnung. Es gebe drei Risikogruppen, die in der Regel nicht tauchen sollten: Leute mit Herzbeschwerden, Personen mit Atembeschwerden wie etwa Asthma oder chronischer Bronchitis, sowie Menschen mit epileptischen Anfällen.

Roggenbach empfiehlt zudem, eine spezielle Taucherversicherung abzuschließen: Denn viele normale Unfallversicherungen erkennen einen Tauchunfall nicht an. So müsste ein Patient etwa eine Druckkammerbehandlung ohne zusätzliche Versicherung selbst bezahlen.

Dass Tauchen im Urlaub gefährlich sein kann, erlebte Uwe Reintjes hautnah, und das sprichwörtlich. Beim Kurs auf der Insel Koh Samui in Thailand fand der erste Tauchgang im offenen Meer bei hohen Wellen und starker Strömung statt. „Wir sind vom Boot weggetrieben worden und haben versucht, selbst an Land zu gehen. Bei einer Steilküste und hohen Wellen keine so gute Idee“, erzählt Reintjes, Immobilienberater beim Weltmarktführer CB Richard Ellis. Er kam mit Abschürfungen davon.

Reintjes ist am nächsten Tag mit demselben Tauchlehrer wieder in die Tiefe hinabgestiegen, um so sein traumatisches Erlebnis zu überwinden. In den Jahren danach ging es in die Karibik, nach Venezuela und zum Great Barrier Reef in Australien. „Beim Tauchen wie im Wirtschaftsleben bemüht man sich um einen austarierten Zustand mit sich und der Umwelt. Beim Tauchen fällt es nur viel leichter.“

Quelle: Handelsblatt

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