DDR-Bürger mochten keine Muckefuck
Kaffeefahrt nach Vietnam

Träge rinnt der schwarzbraune Extrakt durch den Metallfilter ins Glas. So, als würden die letzten Tropfen des Tropenregens ein Palmblatt heruntergleiten.

Nur kurz löst Nguyen Le Nguyen den Blick vom Spiel der Tropfen: Er schaut hinaus auf die belebte Straße. Mopedfahrer transportieren Kühlschränke, tote Rinder oder ihre ganze Familie auf Motorrollern. Knapp, um ein paar Millimeter vielleicht, knattern sie an einer Gruppe Schülerinnen in weißen Seidenkleidern vorbei. Doch unbeirrt radeln die Mädchen weiter.

Nguyen schaut hinter ihnen her. Dann fixiert er wieder das Gebräu vor ihm, als könnte er es durch magische Blicke dazu bringen, schneller zu fließen.

Der Sud braucht seine Zeit. Schließlich ist es nicht irgendein Kaffee, der sich dort sammelt. Sondern sein wertvollster. Mit einem Namen ausgestattet wie aus einer Bolidenschmiede: Aliculi/BMT.

100 000 Dong kostet das Kilo, knapp fünf Euro. Für deutsche Besucher weniger als Jacobs Krönung. Aber für Vietnamesen der Lohn einer halben Woche. Nguyen Le Nguyen betreibt das Café Hoang Tuan und eine Rösterei in Nha Trang, der touristischen Hochburg Vietnams. Sein Kaffee gilt als der beste der Stadt. Er schmeckt intensiv, bitter und ein bisschen nach Spritzgebäck.

Das Geschmacksgeheimnis behält Nguyen für sich, nicht einmal die Rösterei dürfen wir besuchen. Nur so viel verrät er dann doch: Die Butter macht den Unterschied. Seine edelste Sorte röstet er mit europäischer Butter. Hinzu kommen geheimnisvolle Aromastoffe. Welche? Doch als Antwort starrt Nguyen nur wortlos auf sein Glas. Seinen Kaffee bezieht er aus BMT, abgekürzt für Buon Me Thuot. Das ist die Hauptstadt der Provinz Dak Lak und die Kaffeehauptstadt Vietnams. Das wiederum hat sie Gerhard Schürer zu verdanken.

Gerhard – wer?

Schürer war Leiter der berüchtigten DDR-Plankommission und ein mächtiger Mann. Die DDR war wegen des Kaffeedurstes ihrer Bürger in Bedrängnis geraten. Denn in den siebziger Jahren waren die Importpreise rapide angestiegen. Und die waren in Westdevisen zu zahlen.

Zunächst versuchte die SED noch, mit Ersatzkaffee wie „Kaffee Mix“ Westwährung zu sparen. Aber den Bürgern schmeckte ihr Muckefuck nicht. Was tun? In ihrer Bedrängnis wandte sich die DDR-Führung 1982 an Vietnam, mit dem sie ohnehin eine ausgedehnte Kooperation unterhielt. Alsbald wurden vor den Toren von BMT neue Kaffeeplantagen hochgezogen. Aber als nach sieben Jahren die roten Kirschen erstmals reiften, da wollte keiner mehr Ost-Kaffee. Die Mauer war gefallen, der Ostblock verdampft.

Doch die Vietnamesen dachten nicht daran, ihre Pflanzen wieder herauszureißen, nur weil in Leipzig jetzt West-Kaffee zu haben war. Deshalb fahren wir jetzt nach BMT, ins 200 Kilometer von Nha Trang entfernte zentrale Hochland. Dorthin verirren sich die wenigsten Touristen. Dabei sind in den Wäldern noch viele wild lebende Tiere zu sehen, darunter rund 100 Elefanten. Der Ford Transit mit sechzehn Plätzen, aber 31 Fahrgästen, müht sich Hügel um Hügel hinauf. Schon bald weisen Schilder, auf denen „Viet Duc“ steht, den Weg zu den Kaffeeplantagen. Viet wie Vietnam und Duc wie Deutschland.

Über der Zentrale der „Viet Duc Cofexim“ wehen die roten Fahnen des Landes und der Kommunistischen Einheitspartei. Schwarz-Rot-Gold suchen wir vergeblich. Dabei sind bis heute deutsche Entwicklungsinstitutionen in Kaffee-Förderprojekten aktiv. BMT versprüht noch immer den Charme des real existierenden Sozialismus – mit Straßen, die breit sind wie nirgendwo sonst, und einem zentralen Platz, auf dem ein Panzer steht und das Restaurant des Thang Loi Hotels. Es erinnert an eine Kombinatskantine aus DDR-Zeiten – mit dem Unterschied, dass das Getränk nicht als „Kaffee komplett“ daherkommt, sondern wie Bohnenkaffee westlichen Zuschnitts schmeckt.

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