Demografie in Deutschland: Ist die Oberschicht erst weg, wird es eng

Demografie in Deutschland
Zwischen Landflucht und Mietpreishorror

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Ist die Oberschicht erst weg, wird es eng

Die Familie wohnt auf 125 Quadratmetern. Vier Zimmer, eine Glasfront vor der Dachterrasse, offene Küche und gemütliche, grüne Sofas - wie gemacht zum Büchervorlesen. „Wir hatten großes Glück“, freut sich Daniel Pfanner. In Frankfurt eine bezahlbare Mietwohnung zu ergattern, gelingt nicht jedem. Finanziell stellt der Vater mit seinem höheren Einkommen - ganz klassisch - die Familie auf sichere Beine. Ulrike Stock ist Innenarchitektin.

Als Heimat sehen die Pfanner/Stocks weniger eine Stadt als vielmehr „unsere kleine Familie“. Ein Platz, wo der Vater sich verortet, ist „dieser Esstisch hier“, sagt er und streicht übers Holz.

Unlängst hatte die Stadt Frankfurt geprüft, was Neubürger anlockt. Und warum andere abwandern. Ergebnis: Die meisten kommen der Arbeit wegen, fast jeder Dritte nennt einen neuen Job als Grund. Häufigster Grund zum Weggang ist der angespannte Wohnungsmarkt.

Zentren insgesamt wachsen. Die Ballungsräume ziehen mit Ausbildungsangeboten, Jobs und Aufstiegschancen gut qualifizierte sowie junge Menschen an. Und Einwanderer. Nirgendwo ist die Zuwanderung junger Menschen höher als in Metropolen. Und die müssen irgendwo herkommen.

Rund 140 Kilometer nordöstlich von Frankfurt liegt Heyerode, ein 216-Einwohner-Dorf. Der Werra-Meißner-Kreis hat seit 1995 fast 20 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Die Region ist ein typisches Beispiel für ländliche, wirtschaftlich schwache Gebiete. Es gibt sie im Westen, es gibt sie im Osten. Vor allem die 18- bis 24-Jährigen kehren diesen Gegenden den Rücken.

Der Bevölkerungsforscher Sebastian Klüsener spricht von „selektiver Abwanderung“. Darunter leiden nicht nur Landstriche in Nordhessen und der Lausitz im Osten, sondern auch strukturschwache Städte wie Marl und Bottrop im Westen und Brandenburg an der Havel. „Oft gehen die Aktiven, besser Gebildeten zuerst, was Abwärtstendenzen weiter verstärken kann“, sagt Klüsener, der am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock tätig ist.

Dennoch fühlt sich Familie Wagenrad hier richtig: „Heimat ist, wenn ich die Augen aufmache und alles ist vertraut - die Personen, die Umgebung, das Gewohnte. Wir wollen auch anderes kennenlernen, aber ich freue mich auch, nach Hause zu kommen“, sagt Heiner Wagenrad, der mit Frau und drei Kindern in Heyerode wohnt.

Es ist Montagabend. Anna-Lena Wagenrad (14) zieht die Sportschuhe an und wartet, dass ihre Mutter Jacke und Autoschlüssel nimmt. „Mein Hobby ist es, meine Tochter zu ihren Hobbys zu fahren“, erzählt Nicole Wagenrad lachend. Halb im Scherz gesagt, beschreibt die 39-jährige Teilzeit-Buchhalterin eines der Hauptprobleme. Fast jeden Abend bringt sie Anna-Lena irgendwo hin. Ein Auto gilt hier als Muss.

Die Wagenrads haben ihr Haus vor rund 13 Jahren gebaut. Auf 120 Quadratmetern lebt die Familie, später werden auch die vierjährigen Zwillinge zwei Zimmer bekommen.

Kommentare zu " Demografie in Deutschland: Zwischen Landflucht und Mietpreishorror"

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  • @ Lothar Bitschnau
    Du musst ein Landei sei ... bei so einem Post. Flieg mal nach Singapur ... kannste dein Dorf in die Tonne kloppen. Um Karriere zu machen gehts in die Städte.

  • Wenn du im Sauerland in einem Dorf lebst ... bist du lebendig begraben. Da nutzen auch die Wälder nichts!!!

  • Das Image des langweiligen Landes verflüchtigt sich durch die digitale
    Revolution. Und das digitale "LEBEN" benötigt letztentlich Erholung ..
    in analoger Welt.

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