Die Bundes-Burger

„Riesenschnitzel sind pervers“

Hack, Steak und Schinken – auf dem Speiseplan der Deutschen stehen Tiere weit oben. Mit schwerwiegenden Folgen: Viele essen zwar schon weniger Fleisch, doch manche ziehen da nicht mit. Im Gegenteil. Der Fleischatlas.
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Pro Jahr isst der Durchschnittsdeutsche fast 90 Kilogramm Fleisch und Fleischprodukte. Quelle: dpa
Fleischkonsum nimmt nicht ab

Pro Jahr isst der Durchschnittsdeutsche fast 90 Kilogramm Fleisch und Fleischprodukte.

(Foto: dpa)

BerlinKlingt eigentlich nach dem Schlaraffenland für Fleischliebhaber: Kantinen könnten bei Schnitzel, Frikadelle und Bratwurst einen kostenlosen Nachschlag anbieten. Das empfehlen Umweltschützer im neuen „Fleischatlas“. Der ist eigentlich eine Abrechnung mit dem übermäßigem Fleischkonsum.

Und so hat der Vorschlag mit dem Nachschlag für die Fleischfreunde auch einen Haken: Erst einmal kommt ein kleineres Stück Fleisch auf den Teller als gewohnt. Wer mehr will, muss sich später noch einmal anstellen.

Es ist eine von vielen Ideen, wie man die Deutschen ohne Verbote dazu bringen könnte, weniger Fleisch zu essen. Denn bislang blieben die Versuche unterm Strich folgenlos: Pro Jahr isst ein Deutscher im Schnitt 59 Kilo Fleisch und 29 Kilo Fleischprodukte, meistens vom Schwein.

Das ist etwa so viel wie vor zehn Jahren - obwohl es doppelt so viele Vegetarier gibt wie damals, jedenfalls nach Statistiken ihrer Interessenvertreter; vier Prozent der Deutschen verzichten ganz auf Fleisch, zwölf Prozent gelegentlich. Wie passt das zusammen?

Der Fleischatlas versucht eine Antwort: „Es gibt eine Gruppe von rund fünf Prozent Vielfleischessern unter den Männern, die fast dreimal so viel Fleisch verzehren wie die Durchschnittsdeutschen“, schreibt der Göttinger Professor Achim Spiller.

Da sind Leute, die nahezu täglich Bilder gewaltiger Burger auf ihren Tellern ins Netz stellen. Imbisse sind nicht mehr schmuddelig: Von „Burgeramt“ (Berlin) bis „Fette Kuh“ (Köln) gibt es vielerorts schicke Hackfleisch-Läden. Restaurants braten Riesenschnitzel.

Hunderte Euro für einen Grill auszugeben ist nichts Besonderes mehr – und die Freunde zum Wintergrillen einzuladen auch nicht. Mancher setzt sich gleich auf Steinzeit-Diät – mit viel Fleisch. Zwölf Euro kostet das Hochglanz-Magazin „Beef“ – Losung: „Männer kochen anders.“ Die Deutschen als Bundes-Burger.

„Das ist die neue Coolness“, heißt es schaudernd in der Grünen-nahen Heinrich-Böll Stiftung. „Qualvoll, umweltschädlich, ungesund und billig“, so brandmarkt Stiftungschefin Barbara Unmüßig große Teile der Tierproduktion. Um dies zu ändern, veröffentlicht die Stiftung seit 2013 den „Fleischatlas“ mit der Zeitung „Le monde diplomatique“ und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Dessen Vorsitzender Hubert Weiger sagt: „Riesenschnitzel sind pervers.“

Wenige Tage vor der Grünen Woche eröffnen die Umweltschützer damit die Debatte. Bei der Agrarmesse ist Fleisch wichtig – denn vom Schnitzel bis zur Mortadella ist es ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Vor zehn Jahren importierte Deutschland noch Schweinefleisch, heute wird exportiert. Der Ernährungsindustrie bringen Fleisch und Fleischprodukte nahezu jeden vierten Euro. Weltweit wächst die Nachfrage, vor allem weil Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern auf den Geschmack kommen.

Die Nebenwirkungen: Klimaschäden, Überdüngung, Artensterben, Tierleid - und Hunger in Entwicklungsländern. So beschreibt es der „Fleischatlas“. „Das billigste Fleisch ist das teuerste“, sagt Weiger. Was er meint: „Wir zahlen den scheinbaren Preis an der Ladentheke und dann zahlen wir als Steuerzahler das Doppelte für die ökologischen und sozialen Folgeschäden.“

„Fleisch ist ein bequemes Nahrungsmittel”
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