Dress for Success
Das letzte Hemd

Der November ist der Monat der Totengedenktage. Der Tod ist heute zwar kein Tabu-, aber auch nicht gerade ein Modethema – selbst wenn es um Final Fashion geht. Ein anderer Trend: Postmortale digitale Datenverwaltung.
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Der Raum ist ruhig, zeitlos möbliert, gedämpft beleuchtet. Jürgen Salm zieht eine Schublade auf: In knisterndem Cellophan ruhen darin schlichte, weiß schimmernde Herrenhemden. Manche sind zart-beige, auch Orangefarbenes ist darunter.

„Aber das läuft nicht in Düsseldorf, vielleicht eher in Bayern oder Baden-Württemberg“, erklärt Jürgen Salm, Chef in Düsseldorfs ältestem Bestattungsunternehmen (seit 1845) und Sprecher des Bestatter-Verband Nordrhein-Westfalen.

Eine Schublade darunter die Damenmodelle, aufwändiger gearbeitet, oft mit Spitze und Stickereien verziert. Das Material ist vorgeschrieben: Naturfaser. Meist wird Viskose und/oder Seide verarbeitet. Die Preise sind moderat, sie beginnen bei unter 20 Euro und liegen meist zwischen 50 und 90 Euro. Sprichwörtlich ohne Taschen.

Jürgen Salm mag das Wort Totenhemd eigentlich nicht. Aber wie sollte man es sonst nennen? Das letzte Hemd? Final Fashion? Gibt es dafür vielleicht sogar so etwas wie Trends? Wenn, dann sind sie zu sehen auf der Bestatter-Messe, die alle vier Jahre stattfindet, zuletzt im Mai dieses Jahres in Düsseldorf mit 12.000 Besuchern aus 80 Nationen.

Das Angebot des weltgrößten Branchentreffs reicht bis zum digitalen Nachlassdienst. Das Berliner Unternehmen Columba bietet postmortalen Kundenschutz an. Es gab sogar mal eine Wanderausstellung zum Thema.

Anregungen für Final Fashion könnte man sich aber auch in Wien holen, einem Ort mit einer bekanntermaßen lebensnahen Totenkultur. Die gerade wiedereröffnete Sammlung auf dem Wiener Zentralfriedhof im Untergeschoss der Aufbewahrungshalle 2 präsentiert 250 Originalobjekte auf 300 Quadratmetern.

Viele Verstorbene werden auf eigenen Wunsch oder auf Veranlassung von Angehörigen oder Freunden in ihrer eigenen Kleidung beerdigt. „Ich frage dann schon mal: Wie und worin sehen sie den Verstorbenen?“, sagt Salm, als Ausdruck, wie Der- oder Diejenige gelebt hat. Das kann mit oder ohne Schlips und Kragen sein, im Jogging-Anzug oder auch in Jeans und Parka (die 68-er kommen ja jetzt langsam dran).

Meist wird ein Lieblings-Outfit gewählt. „Ich hab mich sehr gefreut, dass meine Mutter entschieden hat, dass mein Vater in seiner heiß geliebten Jagd-Montur bestattet wird“, schreibt eine junge Frau im Internet. Eine andere: „Beide Großväter wollten im Hochzeitsanzug beerdigt werden. Auch wenn der im Rücken aufgetrennt werden musste – sie haben ihren Wunsch erfüllt bekommen.“

Der Tod und seine Rituale sind heutzutage zwar kein Tabu-, aber auch nicht unbedingt ein Modethema. Salm: „In den heutigen schnelllebigen Zeiten wollen sich die Menschen mit solchen Fragen möglichst nicht auseinandersetzen müssen. Das überlassen sie lieber uns.“

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Das letzte Hemd

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Overalls aus Edelsteinen

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