Dress for Success
Muse als Modemacherin

Am 6. Oktober 2013 wäre Meret Oppenheim 100 Jahre alt geworden. Ihre Geburtsstadt Berlin widmet ihr eine groß(artig)e Retrospektive. Sie zeigt die Muse der Surrealisten auch als skurrile Modemacherin.
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Die Liaison von Mode und Kunst sei keine Erfindung von Meret Oppenheim – eigentlich überflüssig diese Anmerkung im Ausstellungstext. Eher war Oppenheim eine Vorreiterin der Unisex-Mode. Wobei die Grenzen immer schon fließend waren. Wenn es für das Multitalent überhaupt welche gab.

Die Surrealistin war ohnehin eine der ersten Künstler, die von einem Modehaus gebeten wurde, Kleidung zu entwerfen. Für Elsa Schiaparelli entwarf sie Schmuck, mit Pelz besetzt wie ihre berühmte Tasse, Unterwäsche und auch sonst allerlei Aufreizendes. Schon früh reizte sie das freie Spiel mit der zweiten Haut, sie experimentierte mit im Wortsinne tierischen Entwürfen. Aus plumpen Pelzhandschuhen ragen rot lackierte Fingernägel wie die Krallen eines wilden Tieres. Ein Pullover hatte für sie praktisch zwei Taschen für die Brüste.

Fast fühlt man einen Stich in der Brust beim Anblick ihres Oben-ohne-Abendkleides mit Büstenhalter-Colliers, bei dem die nackten Brustwarzen zwischen Strumpfbandhalter geklemmt sind. Die Skizze für einen Gürtel zeigt als Schließe gefesselte Hände. Eine Kette aus Knochen ist der vielleicht ursprünglichste Entwurf für ein Schmuckstück.

Die Ideen scheinen wie zugeflogen. „Jeder Einfall wird geboren mit seiner Form“, erklärte Oppenheim ihre Arbeiten, „man weiß nicht, woher die Einfälle einfallen: sie bringen ihre Form mit sich, so wie Athene behelmt und gepanzert dem Haupt des Zeus entsprungen ist, kommen die Ideen mit ihrem Kleid.“

Es machte ihr offensichtlich großen Spaß, Kostüme und Masken für die Basler Fastnacht zu entwerfen. Als Kostümbildnerin stattete sie Daniel Spoerris Inszenierung von Pablo Picassos Drama „Wie man Wünsche am Schwanz packt“ aus.

Für sich selbst pflegte Meret Oppenheim meist einen strengen avantgardistischen Stil, präsentierte sich auf Empfängen und Fotos quasi als Gesamtkunstwerk. Wohl weniger, um aufzufallen – eher, um sich abzugrenzen. Oder vielleicht zu verstecken? Indem sie sich bewusst selbst inszenierte und verfremdete, beispielsweise als Schamanin - ein Schlüsselbild der Ausstellung.

Parallel zur Ausstellung finden im Martin-Gropius-Bau Workshops für Schulklassen zum Thema Kunst und Mode statt, der nächste am 24. Oktober 2013 für Schülerinnen der 6. bis 12. Klasse. Woher nehmen Mode-Designer überhaupt ihre Inspirationen, welche Botschaften stecken hinter einer Kollektion? Solche Fragen sollen mit jungen Berliner Mode-Designern diskutiert werden.

Wie weit die Künstlerin Meret Oppenheim ihre und die nächste Generation Modemacher inspiriert hat, lässt sich dabei wohl nicht genau bestimmen. Das ist auch nicht nötig. Man sieht’s ja: beispielsweise in Kollektionen des Rebells Jean Paul Gaultier, bei Azzedine Alaia oder den japanischen Avantgardisten wie Comme de Garcons oder Yssey Miyake.

„Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen“, wusste die weise Frau. Auch darin war Meret Oppenheim vorbildhaft.

Meret Oppenheim. Retrospektive. Bis 1. Dezember im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchenerstraße 7, 10963 Berlin www.gropiusbau.de

Handelsblatt-Autorin Inge Hufschlag schreibt über Mode und Lifestyle. Quelle: Alexander Basta
Inge Hufschlag
/ Modekritikerin

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