Intelligente Kleidung
Wenn High Tech ins Hemd geht

Intelligente Klamotten machen Karriere. Sie halten warm, überwachen den Blutdruck und laden vielleicht bald schon Handy auf – vor dessen Strahlen sie auch noch beschützen.
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Die bodenlange schneeweiß schimmernde Abendrobe aus einer Industrieplane wird gehalten von einem kontrastierenden Gürtel, einer pinkfarbenen Strumpfhose. Ein Motiv für technische Textilien, in Szene gesetzt von den kreativen Schülern der Düsseldorfer Akademie Mode & Design AMD. Rotweiße Plastikbänder, wie man sie zum Absperren von Baustellen benutzt, werden zu sexy Tops gewickelt, Airbags zum Cocktaildress aufgebauscht. Ursprünglicher Sinn: Insassenschutzsystem. War Mode das nicht auch schon immer? 

„Das T-Shirt als Kraftwerk“, titelt das von der NRW-Landesinitiative ZiTex mit der AMD und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg gestaltete Magazin „Textmag“. Kleidung wird immer cleverer. Elektronik ist inzwischen so winzig, dass sie eingewebt, eingesponnen, sich zwischen zwei Stofflagen dünne macht: in Shirts, die die Herzfrequenz überwachen, Sommersachen mit UV-Schutz, Unterwäsche, die das Herz erwärmt, Jacken mit integrierter Fernsprecheinrichtung und Abschirmtechnik gegen Handystrahlung. High Tech geht ins Hemd, Hauptsache, die Sonne scheint drauf. Organische Solarzellen dienen als mobile Ladestation. Womöglich brauchen wir bald noch nicht einmal den Stromanbieter zu wechseln wie das Hemd. Weil: Wir sind selbst einer. Da strahlt der Öko-Freak! 

Der Anzug wird zur modernen Ritterrüstung des Mannes im täglichen Arbeitskampf. Intelligente Stöffchen lassen verschütteten Rotwein elegant an sich abperlen, Flecken erst gar nicht an sich ran und bleiben selbst in klassischen Knautschzonen wie Bahn und Flieger stets wie frisch gebügelt. Oder erst im Showgeschäft: LEDs bringen den „Galaxy Dress“ von Stars und Sternchen zum Leuchten. Solche Signalwirkung können sich nüchterne Fachleute auch gut im Arbeitsschutz vorstellen. 

„Softshell in technischer Funktionalität, High-Elasticity für die neue Saison“ schwärmt auch das Deutsche Mode-Institut. Das gilt ganz besonders für die Wettkämpfe in seiner Freitzeit. Eine Hand voll Kälteschutz namens „Atmosphere down“, kaum größer als die Ente, deren Daunen er enthält, wird über einen Systemreißverschluss verbunden mit einer Texapore-Wetterschutzjacke. Diese Schichtung ergibt einen optimalen Kälteschutz auf der Piste und anderswo. Im Running Dress hält Aktivkohle, gesponnen zur Polyesterfaser Charcoal, den Körper warm und das Blut in Wallung. Mode fit for Fund and Function. 

Wie die Skihandschuhe, in denen ein Chip für den Lift eingebaut ist. Seine Erfinder waren einst ganz stolz auf ihre Idee, bis beim Betreiber eines Skilifts trotz steigender Benutzerzahlen der Umsatz schmolz. Da gab es nämlich Skifahrer, die noch schlauer waren, als ihre Textilien. Sie warfen einfach ihren Handschuh – nicht in den Ring, sondern in die Tiefe, direkt in Hände eines zurück gebliebenen Sportskameraden, der damit sofort wieder durchs Drehkreuz wedelte. Der Trick ist natürlich inzwischen ausgeschaltet. 

Smart Clothes begleiten und behüten uns bald praktisch von der Wiege bis zur Bahre. Der Strampelanzug mit eingebauten Sensoren soll ein Baby vor dem plötzlichen Kindstod retten, die Biomilchfaser „Qmilch aus“ Casein vor Allergien schützen. „Mitdenkende“ Kleidung überwacht die Vitalfunktionen alter Menschen. Und wenn die sich mal verlaufen, kein Problem, Opa hat ja GPS im Wams. 

Handelsblatt-Autorin Inge Hufschlag schreibt über Mode und Lifestyle. Quelle: Alexander Basta
Inge Hufschlag
/ Modekritikerin

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