„Shapewear“
Der Mann als Mogelpackung

Keine Lust auf Diät? Keine Zeit für die Mucki-Bude? Zaubern oder zwängen Sie doch einfach die paar Röllchen zurück, mittels eines Korsetts. Das heißt heute schick Shapewear. Und das gibt es längst auch für Männer.
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DüsseldorfDie Idee ist nicht neu. Bereits im Mittelalter trugen Edelmänner unter eng anliegenden Obergewändern etwas Strammes, um eine bessere Figur zu machen. Martialische Männer-Korsetts zur Korrektur von Körper- oder Haltungsschäden gab es auch aus Leder und Eisen, während die feinen Damen sich zwischen Fisch(bein)stäbchen zwängten oder sich mit Bleiplatten die Brüste flachdrückten. Kein Wunder, dass sie dabei ein übers andere Mal in Ohnmacht fielen. 

Da haben es die Geschlechter heute leichter. Shapewear heißt das Zauberwort, mit dem sich selbst von Natur aus wohlgeformte Mädels in die Enge treiben lassen: Nahtloses, elastisches Gewebe, das, wenn man sich einmal reingezwängt hat, vermeintliche Problemzonen (Bauch, Beine, Po) modelliert, ganz ohne Hungern oder Abstrampeln im Fitness-Studio. Praktisch. Und gar nicht mehr hässlich. Waren solche Panzer früher unförmig, fleisch-, nach einigen Wäschen gar mehlwurmfarben, so kommen sie heute nahtlos elastisch und beinahe sexy in schwarz oder Modefarben wie Pink daher. Es gibt die Teile im stationären Handel, sogar selbstbewusst im Schaufenster dekoriert. Wie geschnitten Brot werden sie allerdings online oder über diverse Shopping-Kanäle vertrieben: Knackiger Po, flacher Bach, schmale Hüften, grazile Oberschenkel zum Anziehen, bequem im Liegen von der Couch aus bestellt. 

Die Damen sind, scheint’s, ganz heiß drauf. Doch auch die Männer geraten immer mehr unter Druck, in der Arbeits- und Freizeitwelt eine gute Figur zu machen. Dunkelziffern sind nicht bekannt. Aber die Versuchung, Bauchansatz und Hüftröllchen einfach wegzumogeln unterm schmalen Anzug (in diesem Frühjahr Trend) ist groß. Und die Versprechen der führenden Hersteller von Shapewear wie der amerikanischen Topmarke Spanx sind noch größer: Formung, Straffung, bessere Haltung. Die Ansprache ist allerdings anders: Männer fahren bekanntlich eher auf Technik ab. Deshalb heißen hautnahe Mogelpackungen für den ausgeleierten Sixpack auch Equmen Core Precision, die Design-Technologie Helix-Mapping. 

Solch ein Tuning ist noch nicht mal besonders teuer: Ein weißes Unterhemd, das ganz unschuldig aussieht, in dem aber tolle Technik eingebaut ist, kostet knapp 60 Euro, ein Kurzarmhemd 70 Euro, ein modellierendes Tank Tap knapp 100. Der Umgang erfordert Leibesübungen. Die Kompressionsbänder gehören beispielsweise genau unter die Brustmuskulatur. Wobei der Hersteller offen zugibt: „Die Kleidung wird sich zuerst unbehaglich anfühlen.“ Das soll aber nachlassen, wenn man mit der neuen Wäsche erst mal warm wird. Also nicht gleich zum Kardiologen rennen, wenn Mann plötzlich dieses panische Gefühl der Enge hat, wie ein Ring um die Brust hat. Ist nur das Hemd. 

Dabei kriegt Mann trotzdem die Schnappatmung? Dann fangen Sie doch einfach ganz unten an, bei den Socken. Item m6 heißen die, mutmaßlich gewirkt nach den Gesetzen der traditionellen chinesischen Medizin. Leichter Druck auf den Akupunkturpunkt m6 soll das Chi, die Lebensenergie besser fließen lassen, von Fuß bis Kopf.

 

 

 

 

Handelsblatt-Autorin Inge Hufschlag schreibt über Mode und Lifestyle. Quelle: Alexander Basta
Inge Hufschlag
/ Modekritikerin

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