EU-Parlament
Gegen den täglichen Tüten-Irrsinn

Sechs Monate nach Inkrafttreten der Sicherheitsbestimmungen für das Handgepäck horten die Betreiber der europäischen Flughäfen hunderte Tonnen konfiszierter Kosmetikartikel und Getränke. Jetzt verlangen Europas Parlamentarier ein Ende des Tüten-Irrsinns.

BRÜSSEL. Gudrun Matthee rückte gerade dem Schnupfen ihres vierjährigen Sohnes mit einem Fläschchen Nasenspray zu Leibe, als der Beamte an der Röntgenschleuse des Düsseldorfer Flughafens einschritt. Dieses Behältnis sei potenziell geeignet, flüssigen Sprengstoff zu transportieren, beschied der Mann in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Ohne die übliche Ein-Liter-Plastiktüte mit Reißverschluss dürfe das Fläschchen nicht ins Handgepäck. Der Hinweis der genervten Mutter, dass der Transport von Medikamenten doch ohne Zipp-Beutel erlaubt sei, konnte den Kontrolleur nicht umstimmen. Das sei „Ermessenssache“.

Also blieb das Schnupfenspray zurück. Denn die einzige Plastiktüte der Urlauberin mit Ziel Lanzarote war bereits mit Zahnpasta, Duschgel, Lippenstift und Parfüm gefüllt. Die erlaubte Höchstgrenze von 100 Millilitern Inhalt war erreicht. „Diese Regelung ist bürokratischer Schwachsinn“, ärgert sich Gudrun Matthee.

So wie der Düsseldorferin ergeht es Tag für Tag Millionen von Flugpassagieren in Europa. Sie werden zu Opfern der neuen Sicherheitsregeln für Handgepäck, die seit November 2006 in Kraft sind. Auch im Europaparlament sitzen zahlreiche Geschädigte, die am Flughafen schon Schampoo, Rasierschaum und Hautcremes zurücklassen mussten. Sechs Monate nach Inkrafttreten der Sanktionen horten die Betreiber der europäischen Flughäfen Hunderte Tonnen konfiszierter Kosmetikartikel und Getränke. Allein am Drehkreuz Frankfurt fallen pro Woche 21 Tonnen an. „Das wandert als Abfall in die Müllverbrennung“, erklärt Flughafensprecher Wolfgang Schwalm.

Jetzt verlangen Europas Parlamentarier ein Ende des Tüten-Irrsinns. In dieser Woche verabschiedete die Versammlung in Straßburg eine Resolution, in der der EU-Ministerrat aufgefordert wird, die Handgepäck-Verordnung innerhalb von sechs Monaten aufzuheben. „Aufwand und Ertrag stehen in keinem vernünftigen Verhältnis“, sagt der CDU-Europaabgeordnete Georg Jarzembowski. Die Beschränkungen seien „Ausdruck der Hysterie nach der Terrorwarnung vom Londoner Flughafen“. Riesige Abfallberge hinter dem Zoll, lange Schlangen an der Abfertigung und erhebliche Zusatzkosten für Airlines und Passagiere seien als Preis zu hoch für eine Regelung, die keinerlei Sicherheitsmehrwert bringe.

„Wenn drei Passagiere ihre erlaubten 100 Milliliter zusammenmixen, reicht das doch für eine Flüssigbombe“, gibt der CDU-Mann zu bedenken. Zudem hätten die Terrorattentate in Madrid und London nicht Flugzeugen gegolten, sondern Zügen und Bussen. „Konsequenterweise müsste man auf Bahnhöfen ein ähnliches Regime einführen.“

Auch in der EU-Kommission schüttelt mancher Beamter mit dem Kopf, wenn die Rede auf die Handgepäck-Verordnung kommt. „Wir sind kompromissbereit“, sagt der Sprecher von EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot. Doch zuständig sei der Ministerrat. Dort dürfte der Appell des Parlaments vorerst verhallen. „Wenn etwas passiert, trägt die EU die Verantwortung“, sagt ein EU-Diplomat. Der Schaden sei dann „nicht wieder gut zu machen“.

Während das Parlament auf Fachleute verweist, die den Sinn der Vorschrift anzweifeln, berufen sich EU-Diplomaten auf andere Terrorexperten, die vor der Gefährlichkeit von Flüssig-Sprengstoff warnen. Im Frühsommer werden sich die beiden Lager gegenüber stehen. Parlament und EU-Regierungen haben mehrere Anhörungen zum Thema Terrorgefahr und Flugverkehr angesetzt. „Wir müssen darüber erst einmal vertieft diskutieren“, heißt es im Rat.

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