Fachsimplen mit Beinprothesen
Model Mario Galla trifft auf Minenopfer in Kambodscha

Die Beinprothese ist ihre Gemeinsamkeit: Mario Galla ist mit „Handicap International“ in Kambodscha und trifft ein 14-jähriges Minenopfer. Eine Begegnung, 15 Jahre nach Inkrafttreten des internationalen Landminenverbots.
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Phnom PenhDer Hamburger Mario Galla modelt mit Prothese auf den Laufstegen der Welt. Das Mädchen Kanha aus der asiatischen Provinz verlor bei einem Minenunfall ihr halbes Bein. Eine Begegnung in Kambodscha - 15 Jahre nach Inkrafttreten des internationalen Landminenverbots.

Mario Galla? Von dem Deutschen, der 2010 in einer Modenschau mit Beinprothese in kurzer Hose über den Laufsteg flanierte und Furore machte, hat Kanha Theng noch nie gehört. Die Schülerin lebt in Kambodscha und hat mit Mode nichts am Hut. Kanha ist 14, sie büffelt Englisch und Geschichte, und will Anwältin werden. Oder Ärztin. Die beiden begegnen sich in ihrer Schule im Provinzdorf Memot. Es „klickt“. Sie bestaunt Gallas Karbonprothese und zieht dann selbst das Hosenbein hoch: vor acht Jahren riss ein Blindgänger ihr das rechte Bein halb ab. Auch sie trägt Prothese.

„Ich kann alles machen“, sagt Kanha unbekümmert. „Ich schaue nach vorn, nicht zurück.“ Das könnte auch von Galla stammen. „Es gab noch nichts, wo ich gesagt habe: das kann ich nicht“, sagt der 28-Jährige. Er kam mit einem 20 Zentimeter verkürzen Oberschenkel zur Welt. Seine Mutter traute ihm aber alles zu: Fußball, Basketball - Galla war mit Beinprothese dabei.

Vor sieben Jahren sprach ein Model-Scout den großen Blonden mit dem markanten Gesicht an einer Imbissbude in Hamburg an. Mit dem Stempel als Vorzeige-Behinderter, den er nach dem plötzlichen Medienrummel 2010 bekam, hatte er erst Probleme. „Ich habe mich nie als Behinderten wahrgenommen“, sagt er. Inzwischen geht's. Galla hat neben dem Modeln studiert: Während seiner Reise durch Kambodscha erfährt er, dass er alle Abschlussklausuren an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg bestanden hat und ist nun Kommunikationsdesigner.

Galla ist mit „Handicap International“ in Kambodscha unterwegs. Er unterstützt die Organisation, die sich in aller Welt für Menschen mit Behinderung einsetzt. In einstigen Kriegsgebieten wie Kambodscha sind das vor allem Kriegsopfer: bis heute töten und verstümmeln dort übrig gebliebene Landminen und Blindgänger Menschen. Am 1. März vor 15 Jahren trat das Landminen-Verbot in Kraft, die Ottawa-Konvention. Aber die tödliche Gefahr ist längst noch nicht gebannt.

Kambodscha hat so viele Amputierte wie kaum ein anderes Land, mindestens 40 000, bei einer Bevölkerung von 15 Millionen. Das Nachbarland von Vietnam war seit den 60er Jahren ein Spielball der Weltmächte. Im Kampf gegen den Kommunismus warfen erst die USA Tausende Tonnen Bomben ab, dann verminte das mörderische Regime der Roten Khmer das eigene Land. Das Land versank nach ihrer Vertreibung im Bürgerkrieg, die perfiden Waffen wurden gegen Feinde und Zivilbevölkerung eingesetzt.

Galla war noch nie in Südostasien. Ihn berühren die Begegnungen mit Minen- und Blindgängeropfern. Für viele Menschen ist die Versorgung mit Prothesen hier keine Selbstverständlichkeit, weil sie auf dem Land leben, fernab von ärztlicher Versorgung. Orthopädiezentren waren lange rar. „Ich weiß ja, wie blöd es ist, wenn man keine Prothese hat und rumhumpeln muss“, sagt er. Sein eigenes Handicap nennt er „Luxusbehinderung“. Auch, als Kanha von Hänseleien in der Grundschule erzählt, empfindet Galla mit. „War bei mir auch so“, sagt er.

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Kambodscha: Eines der am stärksten verminten Länder der Welt

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