Falkensteins Weinmacher
Der unverwüstliche Alte

Bernard Durand ist siebzig Jahre alt - und steht immer noch täglich am Weinberg. Gemeinsam mit seinem Neffen macht er großartige Weine. Die bewegte Geschichte eines Familienunternehmers.

KÖLN. Pro Wein in Düsseldorf, Halle fünf, Stand 119. Es geht hektisch zu auf der Weinmesse. Die Besucher kosten in Eile, fragen unablässig, handeln Konditionen aus. Und mitten im Gewusel steht Bernard Durand unerschütterlich wie ein starker, knorriger Baum. Auf den ersten Blick wirkt er völlig fehl am Platz. Er ist ein Bauer, derb gekleidet, mit Händen wie Grabschaufeln und einem kindlichen Lächeln im rosigen Gesicht. Und doch besitzt dieser Mann eine Ausstrahlung, der sich die smarten Händler nicht entziehen können. Galant lässt er seine Weine probieren, machtvolle Gewächse, in denen alle Glut des Südens eingefangen ist. Dass er 70 Jahre zählt und böse Schläge in seinem Leben einstecken musste, sieht ihm niemand an.

Er ist aus Lancyre angereist, einem eben mal 50 Seelen großen, auf keiner Landkarte eingezeichneten Dorf, das etwa 20 Kilometer nordwestlich von Montpellier liegt - zu Füßen des markant gezackten Pic-Saint-Loup. In dem Ort ist Durand so etwas wie ein ungekrönter König: Er besitzt die meisten Weingärten. Von den Eltern hat er das größte Haus im Ort geerbt. Die Mitbewohner nennen den aus Kalksteinen gefügten Hof halb scherzhaft, halb ehrfürchtig "Le Château".

Der unverwüstliche Mann erinnert sich noch genau an den ersten Februar 1956. Das Thermometer fiel auf minus 22 Grad, alle Rebstöcke erfroren. Bernard Durand war erst 17 Jahre alt, aber er durfte im Familienrat mitreden. Es war klar, dass es viele Jahre dauern werde, bis es wieder vernünftige Weine geben könnte. So schlug er vor, in der Zwischenzeit die Schafherde zu vergrößern. Die Tiere fraßen die Kräuter der Garrigue. Das Fleisch war begehrt. Die Familie überlebte und kam sich mitunter in dem Dorf sehr allein vor, weil immer mehr Nachbarn auswanderten. Das einträgliche Geschäft wurde aber nach ein paar Jahren gestört. Englische Händler tauchten auf und boten tiefgefrorenes Schaffleisch aus Neuseeland an, unschlagbar billig. Wieder herrschte Not.

Damit ein hungriges Maul weniger am Tisch saß, meldete sich Bernard Durand zum Dienst im Algerien-Krieg. 1959, zwei Jahre später, kehrte er zurück und übernahm die Leitung des Gutes. Inzwischen war wieder Weinbau möglich. Begierig verfolgte er Nachrichten, wonach geplant war, einige kleine Gebiete im Languedoc in die Qualitätswein-Oberklasse aufzunehmen. Auch von einem AOC-Gebiet Pic-Saint-Loup war die Rede. Das war aber verbunden mit der Bedingung, den Anteil der ertragreichen Sorte Grenache zu vermindern und dafür edlere Reben wie Mourvèdre und Syrah zu setzen. Bei den heißen Debatten mit den Eltern setzte sich Durand durch. Er pflanzte Syrah. Auch wenn niemand vorhersagen konnte, ob die Königin der Rhône das raue Klima am Rande der Cevennen vertragen werde.

Auch mit 70 Jahren ist Durand ein unermüdlicher Schaffer. Täglich steht er im Weinberg. Sein Glück ist, dass sein 41-jähriger Neffe Régis Valentin das Kellerhandwerk studiert hat. Der Onkel liefert ihm gute Trauben, aus denen er großartige Weine fertigt. Der junge Mann ist scheu und überlässt den großen Auftritt lieber dem charismatischen Alten. Die besten Gewächse von Château de Lancyre heißen Clos des Combes. Das brachte zuerst die amtliche Kontrolle auf den Plan. Die Bezeichnung dürften nur rundum eingefriedete Weingärten tragen, hieß es. Durand wies nach, dass sein Clos teils von Mauern, teils von Felswänden völlig abgeschirmt ist. Dort wachsen alte, in Buschform geschnittene Rebstöcke im Boden, der mit Kiesbrocken übersät ist. Und die Steine speichern zusätzlich Sonne.

Der Wein duftet mächtig nach Brombeeren. Ein Hauch Holz schwingt mit vom Lager in gebrauchten Barriques. Im Mund will der noch junge Schluck schier nicht enden. Die Frucht von Brombeeren und Schlehen klingt lange nach. Feine erdige Töne mischen sich ein, auch ein Aroma von frischem Schwarzbrot ist dabei. Dazu passt - na was schon? - Lammbraten.

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