Falkensteins Weinmacher
Alles begann in einer Garage

Gerade einmal zwölf Jahre alt ist das Weingut Beurer in Stetten nahe Stuttgart. Und längst gehört es zur Spitze im schwäbischen Rebland. Am Anfang dieses staunenswerten Aufstiegs stand jedoch eine Niederlage.
  • 0

KÖLN. Siegfried Beurer, der 69-jährige Senior, leitete damals die örtliche Genossenschaft. Das war nur eine Kelterstation zur Annahme der Trauben. Der Most ging weiter zur Zentrale, zur mächtigen Remstalkellerei im benachbarten Beutelsbach, die dann die Weine bereitete.

Für Beurer war das Zusammenspiel unbefriedigend. Er meinte, der gute Stettener Riesling werde in Beutelsbach nicht mit der notwendigen Sorgfalt behandelt und zu billig an den Markt gegeben. Deshalb schlug er seinen Genossen vor, den Verkauf lieber selbst in die Hand zu nehmen. Das wäre wohl mit zusätzlicher Arbeit verbunden gewesen. Doch dann hätten sie mehr die Qualität beeinflussen und bessere Preise erzielen können.

Bei der Jahresversammlung im September 1996 wurde er knapp überstimmt. „Da hättet die was schaffe müsse und net wolle“, brummte er hernach. Er schmollte kurze Zeit, dann begann er zu rechnen, ob die Mittel reichen könnten, sich selbstständig zu machen. Drei Hektar Reben besaß er, nicht eben viel. Eine kleine Obstbrennerei brachte etwas Geld nebenbei. Zu der Zeit kam Sohn Jochen aus Italien zurück. Der damals 24-Jährige hatte nach der Ausbildung an der Weinbauschule in Weinsberg ein Praktikum im Trentino gemacht. Er brauchte dem Vater nicht lange zuzureden. Der Alte hatte sich schon entschieden.

In Schwaben hieß es damals, dass eine Kündigung bei der Genossenschaft so schlimm sei wie ein Kirchenaustritt. Die Beurers ernteten böse Blicke und anonyme Anrufe. Doch heute werde ihnen im Dorf sogar Hochachtung entgegengebracht.

Als Betriebsstätte musste erst einmal eine Scheune reichen, in der zuvor Autos standen. Alle Fugen wurden abgedichtet, Säcke vor die Türen gehängt. Wichtigste Anschaffung war eine Traubenpresse. Das verbilligte Vorführmodell kostete 40 000 Mark. Ein alter Ofen brachte den Most zum Gären. Der erste Jahrgang, der 97er, gelang leidlich. Heute sind neun Hektar unter Reben, zu zwei Dritteln Riesling, alles ökologisch gepflegt. Die Landschaft um Stetten ist von geologischer Vielfalt bestimmt. Auf einem Kilometer Luftlinie finden sich alle Schichten des Keuper und des Jura, unten Gips, darüber Schilfsandstein und Mergel, auf 380 Meter Höhe endlich Kieselsandstein, ein äußerst hartes Mineral, Feldspat und Quarz von Kieselsäure zusammengebacken.

Die Winzer von Mosel, Rhein und Nahe schauen gerne auf die Württemberger herab: Die Kollegen sollten doch bitte die Finger vom Riesling lassen. Der Riesling vom Kieselsandstein aber zeigt, dass diese noble Sorte bei viel Talent und Leidenschaft auch in Schwaben zu großer Form geraten kann. Der noch arg junge Wein duftet wie ein Bauerngarten im Frühjahr nach Liebstöckel, Minze und Majoran, auch nach Rosen. Die Frucht von Berlepsch-Äpfeln wird von pfeffrigen Tönen untermalt. Ein angenehmer Hauch Bittere ist dabei wie von Radicchio. Im Laufe einer Flasche zeigt der kostbare Tropfen immer wieder neue Nuancen. Einen solchen Riesling gibt es woanders gewiss nicht.

Kommentare zu " Falkensteins Weinmacher: Alles begann in einer Garage"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%