Falkensteins Weinmacher
Die Renaissance des Fasses

Sie sind billiger und leichter zu reinigen. Auf den ersten Blick haben Edelstahl-Tanks nur Vorteile. Dennoch erlebt das Weinfass eine Renaissance: Immer mehr Winzer schwören auf die aromatische Fülle holzgereifter Weine. So wie Gerda Lehmeyer. Die Chefin des Weingutes Karl Schaefer setzt auf biologische Weine aus dem Fass.
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KÖLN. Edelstahl oder Holz? Vordergründig hat der Inox-Tank nur Vorteile. Er ist unverwüstlich, spart Platz und lässt sich einfach kühl halten. Preiswert ist er obendrein, kostet 2 300 Euro für einen 2 500-Liter-Behälter mit Armaturen gegenüber 5 000 Euro für ein gleich großes Fass. Schließlich die Pflege: Ein Wasserstrahl reinigt den Stahl bestens. Beim Fuder hingegen muss sich der Schmächtigste im Betrieb durch ein Türchen ins Innere zwängen und den Weinstein abkratzen. Trotzdem erlebt das Fass eine kleine Renaissance. Die Küfereien melden steigende Umsätze. Viele, vor allem jüngere Winzer lieben den rustikalen Charme von holzgereiften Weinen und schwören darauf, dass die Berührung des gärenden Mostes mit Sauerstoff und Weinstein die Fülle der Aromen fördert.

So wie Gerda Lehmeyer, die Chefin des Weingutes Karl Schaefer in Bad Dürkheim. In dem 175 Jahre alten Familienbetrieb in Bad Dürkheim gab es immer Fässer. Sie hatte eigentlich nicht vor, das väterliche Weingut zu übernehmen und arbeitete als Apothekerin. Doch als der Senior zu schwächeln begann und „keiner sonst da war, der die Finger gehoben hätte“, machte sie sich auf, die Nachfolge anzutreten. Sie belegte ein Semester als Gasthörerin an der Weinbau-Hochschule in Geisenheim. Dann richtete sie sich in dem alten Dürkheimer Herrschaftshaus ein und ließ alles, wie es war.

Nur eines änderte sie: Die Weinberge wurden auf biologischen Anbau umgestellt. „Es ist besser gelaufen, als ich zu hoffen wagte. Und der Arbeitsaufwand war auch nicht wesentlich höher“, berichtet Gerda Lehmeyer. Die meisten Reben stehen auf Terrassen. Da wurde ohnehin zuvor schon fast alles von Hand gemacht. Nur häufigeres Spritzen ist nötig, weil die biologischen Mittel nicht so lange halten wie die synthetischen.

Lehmeyer kann sich auf eine gute Mannschaft verlassen. Einige Mitarbeiter sind schon seit Jahrzehnten dabei. Joachim Jansen, der die Weinberge betreut, ist Winzermeister. Und Jan Groß, der neue Mann im Keller, ein studierter Önologe, hat früher im Hause Karl Schaefer gelernt.

Es gibt nur ein Problem: Die Chefin ist 64 Jahre alt, strahlt wohl Vitalität aus, aber „ewig werde ich das nicht mehr machen können“. Ein Sohn ist Richter, der andere Physiotherapeut. Ob von denen einer das Gut später übernimmt, ist sehr fraglich. Doch darüber macht sich Gerda Lehmeyer „noch keine Gedanken“.

Eine großartige Lage ist der Dürkheimer Spielberg, ein steiler, westwärts geneigter Hang. Der Boden ist mit Kalk durchsetzt, was dem Riesling eine betont erdige Note gibt. Der Name kommt vom lateinischen speculare (beobachten). Auf dem langgestreckten Rücken, der parallel zum Pfälzer Wald verläuft, wurden Reste eines römischen Wachtturms gefunden.

Der ausdrucksstarke, nicht zu schwere Kabinett-Riesling vom Spielberg ist exemplarisch für das Haus Schaefer. Vor 30 Jahren, als Pfälzer Wein noch ziemlich süß daherkam, wäre so ein Stoff als „rassig, stahlig, Herrenart“ beschrieben worden. Der Riesling ist noch arg jung und spröde, fängt erst nach dem dritten Glas zu schmecken an, aber dann mit Macht: nach Pfirsich, Bauernbrot, nach Stein und Erde. Der Hauch Holz vom großen Fass rundet das Aromenspiel wundervoll ab. Seefisch vom Grill passt gut dazu.

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