Falkensteins Weinmacher
Ein Wunderwerk von einem Keller

Wenn Weinlese ist, müssen drei bis vier Stunden Schlaf ausreichen. Dann kümmern sich die Winzer-Brüder Stefan und Leopold Müller aus dem Kremstal in Österreich um die Ernte von 45 eigenen und 20 zugepachteten Hektar. Auch bei der Auswahl ihrer Trauben sind die Gebrüder kompromisslos.
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KÖLN. Weinernte im Kremstal. In dieser Zeit ist Leopold Müller fast unerreichbar. Meist hetzt der 39-Jährige in seinem dreigeschossigen Keller herum, nimmt oben Hunderte Kisten mit Trauben an, bedient ein Stockwerk tiefer die große Presse und überwacht ganz unten die einsetzende Gärung des Mostes. Da will er jede Minute dabei sein. Telefonieren geht nicht, sein Handy hat dort keinen Empfang. Kontakt ist nur über die Ehefrau Martha möglich. Der Wein geht vor.

Gleich zu Beginn der Ernte stand der Kollege von nebenan mit Tränen in den Augen vor der Tür. Der Motor seiner Kelter war in Brand geraten. Müller holte tief Luft, schob noch zwei Stunden dazwischen und half, die bereits gemahlenen Trauben zu pressen. Weit nach Mitternacht war endlich alles geschafft. Der kräftig gebaute Mann ist da kameradschaftlich – obwohl ihm manche Nachbarn neidvoll begegnen.

Derzeit muss er mit drei, höchstens vier Stunden Schlaf in der Nacht auskommen. „Ausruhen können wir uns im Winter“, brummt er. Die Ernte von 45 eigenen und 20 zugepachteten Hektar will fehlerfrei verarbeitet werden. Sein Bruder Stefan, 27, steht derweil in den Reben und steuert die 20-köpfige Lesemannschaft. Den Helfern schaut er genau auf die Finger. Oberster Grundsatz: Nur absolut gesunde, vollreife Trauben kommen in die 200-Kilo-Boxen. Selbst wenn die Hälfte, weil nicht gut genug, auf den Boden fällt. Nur zu einem geringen Teil setzt er eine Erntemaschine ein. Zu 90 Prozent wird noch von Hand gelesen.

Wenn es dann dunkel ist, kümmert sich der Jüngere bis Mitternacht um den Buschenschank. An dieser Tradition wird trotz aller Arbeitslast nicht gerüttelt. Die Ausflügler schwärmen zum Schöppeln und Schmausen in die Weinorte, auch wenn die Winzer sie im Herbst am allerwenigsten gebrauchen können.

Vater Leopold Müller stieß seinen Ältesten schon früh in die Verantwortung. Der Sohn übernahm mit 19 Jahren gleich nach Abschluss der Weinbauschule in Krems wichtige Aufgaben im Gut. In kurzer Zeit war er quasi der Chef. So hatte der Senior, ausgezeichnet mit dem Titel Ökonomierat, ein wenig mehr Zeit für seine Ämter bei der Landwirtschaftskammer und beim Bauernverband. Der jüngere Bruder stieß vor neun Jahren dazu. Er wollte zuerst vom Weinbau nichts wissen und studierte Hotelwirtschaft. Doch inzwischen war das Gut derart gewachsen, dass er unbedingt gebraucht wurde.

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