Falkensteins Weinmacher
Familienkrach mit guten Folgen

Im Juli 2003 nutzte Arnauld Couly die Abwesenheit seines Onkels, um im Paradeweinberg des Gutes die „Grüne Ernte“ durchzuführen. Um die Qualität des Weines zu erhöhen, schnitt er die Hälfte aller Trauben ab. Es kam zum Familienstreit – nun führt der 35-jährige Arnauld das Weingut in Chinon an der Loire. Dem Wein hat dies nicht geschadet.
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KÖLN. Es war im Juli 2003. Pierre Couly, oberster Befehlshaber über ein großes Weingut in Chinon an der Loire, war für ein paar Tage verreist. Sein Neffe Arnauld nutzte die Gelegenheit: Er sammelte Helfer. Die Truppe marschierte in den Clos d’Olive, den Paradeweinberg des Onkels, und schnitt dort mehr als die Hälfte aller Träubchen ab. „Grüne Ernte“ heißt so etwas und ist bei ehrgeizigen Erzeugern selbstverständlich, um reifere, dichtere Weine zu erhalten.

Als der Onkel zurückkam und die Bescherung sah, fand er das überhaupt nicht lustig. Er tobte, es kam zum Krach, die Familie zerbrach. Die Geschichte hatte aber eine gute Folge: Der 35-jährige Arnauld Couly führt nun das verkleinerte Weingut Couly-Dutheil und erntet dort beachtliche Gewächse.

Schon vor diesem Husarenstreich war die Stimmung in der Sippe nicht gut. Onkel Pierre Couly wollte viel Wein verkaufen. Er erntete möglichst früh und ging beim Ertrag bis hart an die Grenzen des Zulässigen. Auch kaufte er Most von Nachbarn dazu. Alle anderen Mitglieder der Familie nahmen das mehr oder weniger duldsam hin.

Der rebellische Neffe Arnauld war zu der Zeit im Ausland unterwegs. Nach seinem BWL-Studium hatte er sich bei der O.I.V. eingeschrieben, der Internationalen Organisation für Weinbau in Paris. Das führte ihn zu namhaften Betrieben in aller Welt.

Vor elf Jahren kehrte er nach Chinon zurück. Sein Vater Jacques Couly war heilfroh, den rundum ausgebildeten Sohn an seiner Seite zu haben. Der Junior kümmerte sich erst einmal um die geschäftliche Seite des Gutes. Dann begann er, den Onkel mit der Forderung nach mehr Qualitätsdenken zu nerven. Doch der stellte sich stur und verwies auf die gute finanzielle Lage des Hauses. Fünf Jahre später ließ es Arnauld Couly dann auf den Knall ankommen. Jetzt führt er das Gut. Der Onkel übernahm ein paar Rebberge und baute um sie herum einen Weinhandel auf. Damit ist er längst nicht so erfolgreich wie sein Neffe.

Arnauld Couly liebt die Sorte Cabernet franc, die viel Frucht, aber auch reichlich Gerbstoff bringt. Nur in guten Jahren füllt er davon eine besonders gelungene Partie ab, die „Baronnie Madeleine“. Dafür trifft sich die ganze Mannschaft und kostet verschiedene Proben aus dem Keller durch. Die reifste und weichste Charge wird genommen. „Der Wein muss weiblichen Charme besitzen“, verlangt Couly. Der Name ist eine Verbeugung vor der Großmutter und Guts-Gründerin. Sie war zwar keine Baronin. Die kleine Hochstapelei sei aber erlaubt, der Wein ist wirklich nobel.

2005 erlebte die Loire einen goldenen Herbst. Arnauld Couly wartete bis zuletzt und erntete beim Cabernet franc fast überreife Trauben. Deshalb ist dieser Wein auch tiefschwarz, völlig ungewohnt für Chinon. Ein Bündel von Düften steigt aus dem Glas auf: Pflaumen, Marzipan, Majoran, auch ein Hauch von Orangenschalen. Der Geschmack ist mürbe und weich, vom reichlichen Alkohol fast ein wenig süß. Der Gerbstoff kommt geradezu samtig daher. Die Fruchtaromen erinnern an Latwerge, ein Mus, das zu Omas Zeiten, als Zucker noch rar war, auf dem Tisch stand. Pflaumen wurden unter ständigem Rühren stundenlang gekocht, bis sie wieder süß wurden. Obwohl dieser Chinon schon sehr reif ist, sollte er einige Stunden vor Genuss in eine Karaffe umgefüllt werden. Englands Fachblatt „Wine Spectator“ gab ihm 92 von 100 möglichen Punkten.

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