Falkensteins Weinmacher
Frühburgunder von der Ahr

Peter Lingen in Bad Neuenahr besitzt zwar nur vier Hektar Weingärten. Doch die liegen fast sämtlich an steilen Hängen. Das kann der 50-Jährige nicht allein bewältigen. Und so helfen ihm Jahr für Jahr treue Saisonarbeiter, um die vorzüglichen Tropfen herzustellen. Vor allem sein Frühburgunder kann sich sehen lassen.
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KÖLN. In den Weinbergen an der Ahr hat die Rebblüte begonnen. Das malerische Tal ist in einen zauberischen Duft gehüllt. Aber auch die Arbeit ruft. Der Winzer stutzt die Rebstöcke ein weiteres Mal und bindet die Zweige im Drahtrahmen hoch. Da und dort entfernt er überzählige Triebe. Wenn sich dann Fruchtansätze mit winzigen Beeren bilden (Fachwort: Gescheine), dann wird die untere Hälfte abgeknipst. Das bringt einen konzentrierten Saft im Herbst, der Burgunder wird so fülliger und dunkler.

Peter Lingen in Bad Neuenahr besitzt zwar nur vier Hektar Weingärten. Doch die liegen fast sämtlich an steilen Hängen. Das kann der 50-Jährige nicht allein bewältigen. Also holte er sich wieder einmal beim Arbeitsamt die Erlaubnis, Saisonarbeiter einzustellen. Die reisen schon seit vielen Jahren aus Polen an. Wladec Novicki, fast schon so etwas wie ein Freund, kam diesmal nicht. Der tüchtige Handwerker hatte in der Heimat endlich eine Anstellung gefunden. Dafür schickte er seinen Sohn Robert, und auch der kann zupacken.

Die Helfer erhalten sechs Euro die Stunde plus Logis, Verpflegung und Versicherung. „Selbst wenn ich das Doppelte bezahlen würde, bekäme ich keine Deutschen für die Arbeit“, berichtet Lingen.

Er ist „mit Leib und Seele Winzer“, erzählt er. Das war nicht immer so. Als Junge ging er zwar dem Vater brav zur Hand, dachte aber niemals daran, dessen Nachfolge anzutreten. Vielmehr machte er eine Einzelhandelslehre und verkaufte Waschmaschinen, Lampen und Fernseher. „Mir machte das Spaß“, erinnerte er sich. „Alle kannten mich, und ich bin gerne unter Menschen.“

Doch dann erkrankte der Senior Peter-Josef und der Sohn zögerte keinen Moment. Er besuchte die Weinbau-Fachschule in Bad Kreuznach. Mit 25 Jahren übernahm er den Betrieb. Zu der Zeit floss der Ahr-Burgunder noch in Strömen, damals eine ziemlich blasse und süßliche Angelegenheit. Doch inzwischen haben sich die Kegelklubs aus dem Ruhrpott getrollt. Nun kommen anspruchsvolle Gäste in das romantische Tal. Peter Lingen hat sich längst umgestellt. Er erntet etwa die Hälfte der damaligen Mengen. Die meisten Weine sind bei ihm trocken.

Er hat jetzt vom neuen Jahrgang einige vorzügliche Tropfen gefüllt. Der Spätburgunder erscheint noch etwas rau und verschlossen. Aber sein Frühburgunder lässt sich schon angenehm trinken. Diese Sorte war vor 100 Jahren in Deutschland stark verbreitet, starb dann fast aus und erlebt jetzt eine kleine Renaissance, besonders seitdem die Organisation Slowfood diese Rebe in ihrem Arche-Programm nach Kräften fördert.

Vorteil des Frühburgunders ist, dass er schon gegen Ende August reif ist, mit geringen Lagen zufrieden ist, trotzdem einen kräftigen, fülligen und ziemlich haltbaren Wein ergibt. Aber die Nachteile wiegen auch. Die Sorte neigt nach der Blüte zum Verrieseln, Fruchtansätze fallen ab, so dass der Ertrag oft mager ausfällt. Dann muss der Winzer im August die frühen, sehr süßen Beeren vor Vogelfraß schützen. Es macht viel Arbeit, alles in Netze zu hüllen.

Lingen hat seinen Frühburgunder im Ursulinengarten stehen nahe dem Kloster Calvarienberg. Die ist eine Nordlage. Die Sonne reichte trotzdem, um einen vollreifen Wein zu erzielen. Der 2008er duftet und schmeckt intensiv nach roten Johannisbeeren und Süßkirschen. Er kommt weich und mild auf die Zunge und füllt den Gaumen lange aus. Feine erdige und pfeffrige Aromen begleiten den Genuss. Dazu ein Ragout aus dem Fleisch gekochter Entenbeine mit Morcheln, und der Abend ist gerettet.

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