Falkensteins Weinmacher
Politik der kleinen, feinen Ernten

Im Jahr 1993 setzte Rudolf Mies, Geschäftsführer der Winzergenossenschaft in Mayschoß an der Ahr, raue Veränderungen durch: Um auf die Rekordernte des Vorjahres zu reagieren, diktierte er Höchstmengen und belohnte höhere Qualität mit Zuschlägen. Mit Erfolg: Seit dieser Zeit ist die Winzergenossenschaft die erfolgreichste in Deutschland.
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KÖLN. Rudolf Mies, Geschäftsführer der Winzergenossenschaft in Mayschoß an der Ahr, erinnert sich an den 25. August 1993, „als wär’s erst gestern gewesen“. Der kleine Mann, dessen Händedruck gefürchtet ist, macht sonst nicht viele Worte. Aber bei der Mitgliederversammlung damals musste er alle Beredsamkeit aufbieten, galt es doch, raue Veränderungen durchzusetzen.

Die Zusammenkunft war für neun Uhr angesetzt. Der Saal konnte die vielen Teilnehmer kaum fassen. Die Tagesordnung wurde routiniert abgespult, bis Mies endlich den Punkt „Maßnahmen zum bevorstehenden Herbst“ aufrief. Das Protokoll hernach vermerkte „lebhafte Diskussion“ – eine Untertreibung. Die meisten Winzer versuchten wohl tapfer, sich mit den unabwendbaren Einschnitten abzufinden. Doch viele Teilnehmer schrien, dass sie nun viel Geld verlören. Am Ende aber überwog die Einsicht, dass es nicht so weitergehen konnte wie im Vorjahr.

Der Herbst 1992 hatte alle Rekorde geschlagen. Der Erntesegen sprengte die Kapazität der Genossenschaft. Es mussten Tankwagen der Bundesbahn angemietet werden, um die überschüssigen Mengen aufzufangen. Ohne lange zu fragen, verscherbelte Mies später einen großen Teils des Weins in England. Das war ein schmerzliches Verlustgeschäft, aber: „Ich wollte auf keinen Fall den deutschen Markt damit belasten“, rechtfertigte er sich in der Versammlung.

Für die bevorstehende Lese diktierte der Chef jetzt Höchstmengen. Wer mehr anliefere, sollte Abstriche bei der Auszahlung hinnehmen. Dafür werde höhere Qualität bei geringem Ertrag mit Zuschlägen belohnt. Also trollten sich Winzer, die sonst jede herabgefallene Beere vom Boden aufhoben, in ihre Reben und schnitten seufzend überschüssigen Behang ab. Sechs Wochen später hatte Kellermeister Rolf Münster allen Grund zur Freude. Die meisten Genossen lieferten sauber verlesene Trauben. Die Reifewerte lagen deutlich höher als sonst, und als die Weine trinkfertig waren, zeigten sie weit mehr Farbe und Fülle.

Für den 93er Spätburgunder gab es freundliche Berichte und etliche Auszeichnungen. Die Kunden zahlten ohne zu murren ein paar Groschen pro Flasche mehr. Rudolf Mies setzte die Politik der kleinen, feinen Ernten strikt fort. Und trotz heißer Debatten sahen die Mitglieder letztlich ein, dass ihr Boss recht hatte.

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