Falkensteins Weinmacher
Seelenausgleich im Keller

Josef Lentsch hat Koch und Kellner gelernt und nebenbei Kurse an verschiedenen Weinbauschulen belegt. Ein richtiger Winzer ist der Besitzer des Gasthauses „Zur Dankbarkeit“ nicht, sagt er von sich selbst. Wie gut er das Metier in Wahrheit beherrscht, zeigt eine jüngste Auszeichnung.
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KÖLN. Ein zündender Name für das Produkt ist schon die Hälfte des Verkaufs, sagen die Ökonomen. Und wie soll ein Wirtshaus nicht Gäste von weither anziehen, wenn es „Zur Dankbarkeit“ heißt. Die andere Hälfte des Erfolgs aber sind eine grundgute Küche und ehrbare Weine. Und auch die bezaubernde Lage in Podersdorf im burgenländischen Seewinkel lockt Genießer.

Gründer der Gaststätte war Josef Lentsch I., der Ende des 19. Jahrhunderts in einer kinderreichen Bauernfamilie aufwuchs und keinerlei Chancen sah, etwas von dem Hof der Eltern zu erben. Also setzte er sich in den Kopf, Gastwirt zu werden, ließ sich wegen seiner Pläne im Dorf auslachen, ging nach Wien und kellnerte. Jeden ersparten Groschen legte er an und verlor alles während der Weltwirtschaftskrise 1931. Ihm blieb dann nichts übrig, als nach Podersdorf zurückzukehren und sich erst einmal als Tagelöhner durchzuschlagen.

Wieder sparte er eisern. 1934 lockte eine fantastische Chance: Ein Wirtschaftshof im Ort, den die Zisterzienser-Mönche vom Kloster Heiligenkreuz nahebei betrieben hatten, stand zum Verkauf. Die Nachbarn zögerten. Also lieh sich Lentsch Geld von Freunden, griff zu und eröffnete eine Gastwirtschaft. Über den Namen musste er nicht lange nachdenken. Er nannte das Haus „Zur Dankbarkeit“.

Enkel Josef Lentsch III. übernahm das Anwesen 1989. Es gab damals noch Schweine auf dem Hof. Rebgärten gehörten schon immer dazu, wurden aber nur nebenbei bestellt. Das änderte er nach und nach. „Ein richtiger Winzer bin ich nicht“, gibt der 49-Jährige kund. Er hat Koch und Kellner gelernt, besuchte nebenbei Kurse an verschiedenen Weinbauschulen. Wie gut er das Metier beherrscht, beweisen die zwei Sterne – von drei möglichen –, die ihm der strenge österreichische „Falstaff-Weinguide“ in diesem Jahr verliehen hat.

Wie wird der Mann mit zwei Berufen fertig? „Mehr Zeit bin ich im Gasthaus“, sagt er. Die Arbeit im Keller aber ist „ein wundervoller Seelenausgleich“. Dort herrscht Stille, die er nach der Hektik im Restaurant genießt. Er legt sich dann Musik auf. Im Moment schwärmt er für neue Wiener Couplets, deren Texte sich mit der armen Seite der Welt beschäftigen. Am Telefon ist leicht auszumachen, in welcher Arbeit er gerade steckt. Ist er im Wirtshaus, spricht er schnell, undeutlich und verhaspelt sich schon mal. Kommt er aus dem Keller, ist seine Stimme ruhig. Lentsch hat gelernt, dass er nicht alles allein machen kann. Den Vertrieb überlässt er dem Fachhandel. Er arbeitet mit befreundeten Winzern zusammen, die „mir die Trauben pflegen, wie ich mir das vorstelle“. Erst vor kurzem hat er die selbst bewirtschaftete Rebfläche auf vier Hektar verdoppelt. Grund: Die 19-jährige Christina, seine jüngste Tochter, will Weinbau studieren.

Josef Lentsch baut selbst keine roten Sorten an. Die kauft er zu. Aus verschiedenen Trauben fertigt er jedes Jahr eine saftige Cuvée. Der 2008er ist erfreulich leicht geraten, erscheint trotzdem füllig. Der Wein duftet und schmeckt nach roten Johannisbeeren – in Österreich Ribiseln genannt. Aromen von Erde und Lehm, aber auch von Karamell, Mandeln, Vanille und ganz zart Pfeffer umspielen die Frucht. Serviert wird dazu ein Parfait aus Blunzen (Blutwurst) mit gedünsteten Rahmgurken.

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