Falkensteins Weinprobe
Aus dem Jahr des Aufbruchs

Portugiesen gelten als bedächtige Menschen, die sich Zeit lassen für Entscheidungen. Ihnen sind spontane Gefühlsausbrüche eher verdächtig. 1986 trat ihr Land der EU bei. Die Bürger nahmen dies zuerst ohne sonderliche Regungen hin. Die Länder im Norden waren ihnen fremd, die frühere Kolonie Brasilien lag für sie näher.

Doch dann kamen ausländische Investoren. Neue Firmen, neue Straßen entstanden. Gemessen an der früheren Armut, stellte sich so etwas wie Wohlstand ein.

Für die Portugiesen wurde 1995 das Jahr des Aufbruchs. Da bereitete sich Lissabon auf die Weltausstellung vor. Der Bau der eleganten Vasco-da-Gama-Brücke über den Tejo begann.

Auch die verstaubte Kooperative Adega in Cartaxo, 70 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt, wurde von diesem Optimismus erfasst. Ein junger Vorstand hatte die Leitung übernommen. Es sollten neue Märkte erobert werden. Besseres musste her als in Fünf-Liter-Glasgebinden abgefüllte Konsumware.

Zur zentralen Figur wurde unversehens Kellermeister Pedro Gil, damals erst 26 Jahre alt. Der große, schweigsame Mann hatte bis dahin nicht viel zu sagen gehabt. Nun aber war er gefordert. Die Chefs wollten "einen berühmten Wein", ein Halleluja-Gewächs also, das im Fachblatt "Wine Spectator" auf den vorderen Plätzen steht und beim Experten Robert M. Parker mehr als 90 Punkte bekommt.

Nach einigem Zögern machte sich Gil begeistert ans Werk. Wo die besten, ältesten Reben standen, wusste er. In seiner Freizeit radelte er oft durchs Umland von Cartaxo und kannte dort jeden Weingarten. Aber er musste störrische Winzer aus ihrem gewohnten Trott herausreißen. Er musste sie dazu bringen, die Ernte hinauszuzögern und dabei streng auszulesen.

Um Cartaxo gibt es unterschiedlichste Lagen. Im flachen "Campo", der sich zum Tejo hin erstreckt, bestehen die Böden aus alten Ablagerungen des Flusses. Dort liefert die Castelão-Traube einen molligen, fruchtbetonten Most. Im hügeligen "Bairro" hingegen finden sich karge Kalkböden, der rechte Untergrund für die eher raue Traube Trincadeira, die Gerbstoff beisteuert und dem Wein ein festes Gerüst verleiht.

Zwei Jahre reiften die Weine in kleinen Fässern. Dann suchte sich Pedro Gil die besten Partien aus. "Ich habe mich Tage und auch Nächte mit der Cuvée beschäftigt", erinnert er sich. Nur knapp 10 000 Flaschen wurden von dem 95er gefüllt. Die Reserva erhielt den Titel "Bridão", benannt nach dem geschmückten Zaumzeug, das Pferde bei festlichen Umzügen tragen.

Der Wein wurde mit Auszeichnungen überschüttet. Jetzt, im zehnten Jahr, ist er ausgereift, geschmacklich auf dem Höhepunkt. Er duftet nach Herbstlaub, rollt wundervoll weich über die Zunge. Die mächtige, fast ein wenig süße Brombeer-Frucht klingt lange nach. Unbedingt zwei Stunden vor Genuss dekantieren.

Pedro Gil empfiehlt zu dem festlichen Tropfen Zicklein aus dem Ofen. Das ist hier nur kaum zu bekommen. Ein Rehbraten mit Kastanien-Püree passt auch gut dazu. Pit Falkenstein

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