Falkensteins Weinprobe
Rauschhaftes Spiel

Genussfrohe Wiener fahren gerne an sonnigen Wochenenden mit der Südbahn bis Mödling und wandern dann am Berg Anninger entlang nach Gumpoldskirchen, um beim Heurigen einzukehren. Sie brauchen dort nur zu schauen, wo beim Winzer ein "Buschen" hängt, ein Bündel mit Tannenzweigen. Dann wissen sie, dass "ausg?steckt is", dass es also süffigen Wein und eine zünftige Jause dazu gibt.

Viele dieser Winzerlokale sind für Bustouristen gut. Doch gibt es in Gumpoldskirchen auch ein paar feinere Adressen, bei denen der Heurige ein zwar deftiges, aber durchaus anspruchsvolles Vergnügen ist.

Dazu gehört das Weingut Biegler im oberen Dorf. Der Betrieb besteht aus zwei Höfen. Dazwischen ist ein Garten angelegt. Dort sitzen die Gäste unter Kirsch- und Nussbäumen, schlürfen großartige Weine und schauen auf die Reben an den Hängen des Hausbergs, der östlichsten Erhebung der Alpen.

Die Bieglers sind im Ort eine allseits geachtete Sippe. Urgroßvater Leopold wurde mit dem Titel Ökonomierat geehrt. 26 Jahre lang leitete er die örtliche Winzergenossenschaft und forderte unermüdlich hohe Qualität. Immerhin wurde Gumpoldskirchener Wein einstmals am Wiener Hof ausgeschenkt.

Doch er konnte nichts dagegen ausrichten, dass in den 50ern unter dem berühmten Namen billigste Massenware gen Deutschland, Belgien und Holland schwappte. Tausende von Hektolitern hatten Österreich nie gesehen.

Enkel Othmar Biegler - 43 Jahre alt, groß, mit jungenhaftem rundem Gesicht - pflegt nun wieder höchste Weinkultur. Von dem lieblichen Geschmack, der die Erzeugnisse des Ortes einst berühmt gemacht hatte, ist er völlig abgerückt.

Bei ihm sind Rotgipfler und Zierfandler, die großen Gumpoldskirchener Spezialitäten, möglichst "resch", also herzhaft. "Süße ist kein Kriterium für Qualität", sagt er. "Wichtiger ist, dass die Weine eine glockenreine Frucht haben, dann machen sie Spaß, und der Tag ist gerettet."

Sein neuer Zierfandler verströmt einen nicht fassbaren Reichtum an Düften. Fruchtige, steinige, würzige, auch gemüsige Aromen verbinden sich zu einem rauschhaften Spiel.

Jeder Schluck bringt andere Erlebnisse. Am Ende kann der Zecher nicht sagen, wonach dieser schillernde Schluck eigentlich geschmeckt hat. Aber er wird ihn später blind unter hundert anderen Weinen herausfinden.

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