Falkensteins Weinprobe
Zärtlicher Name

Für einen Moment zögerte Alain Dalmas. Dann nickte der Präsident des kleinen Cellier des Vestiges Romains in Bouillargues bei Nîmes: "Das machen wir. Damit können wir neue Kunden gewinnen." Der Vorschlag, einen Bio-Wein ins Programm zu nehmen, gefiel ihm von Minute zu Minute besser.

Jaky Christol, seit 20 Jahren Mitglied dieser kleinen Genossenschaft, hatte seinen alten Rebgarten auf ökologischen Anbau umgestellt. 2003 bekam er das Ecocert-Siegel. Von der Ernte 2004 gab es einen eigenen prächtigen Wein. Auf dem Etikett steht Christols Name.

Der 54-Jährige, groß, schlank, sportlich, mit wallendem Haar, verkaufte früher Landmaschinen. Dann erbte er ein Bauerngut mit Obst und Wein, was ihm mehr Spaß machte. Die Trauben gingen an die Kooperative. Für seinen Bio-Wein musste ein schöner Name her. Christol dachte lange nach und nannte seinen Hof schließlich "Château de Lory". Seine Frau durfte sich geschmeichelt fühlen, ist doch Lory ihr Kosename.

Das Weinland bei Nîmes liegt auf einem ungewöhnlichen Terroir, "Gress" genannt. Die Erde ist teilweise leuchtend rot und mit Kieseln bedeckt. Sie gibt den Weinen eine urwüchsige Note. Solche Böden finden sich auch in Châteauneuf-du-Pape, womit die Winzer dort wortreich werben. "Wir machen nur nicht so ein Geschrei darum", lächelt Präsident Dalmas. Der 2004er Château de Lory reicht durchaus an ein Rhône-Gewächs der oberen Klasse heran.

Wie es bei einem guten Wein sein soll, ändert sich das Spiel der Aromen im Laufe der Stunden. Die Cuvèe aus Syrah und Grenache beginnt hell wie ein Fanfarenstoß mit Fruchtnoten von Weichselkirschen und roten Johannisbeeren.

Doch die Vermischung mit Sauerstoff lässt den üppigen Tropfen nach und nach dunkler erscheinen. Brombeeren treten hervor, aber auch Erde und besonders Leder (der typische Geschmack eines guten Châteauneuf-du-Pape). Ein Hauch Süße schwingt mit wie von Rosinen und Datteln.

Einmal im Jahr sei es gestattet, statt eines Kochrezeptes ein passendes Musikstück zu empfehlen: das Klaviertrio in a-Moll von Maurice Ravel. Es erscheint unglaublich, welchen Farbenzauber der Franzose mit nur drei Instrumenten entfacht. Das flirrt und gleißt geradezu.

Die jungen Interpreten Frank Braley (Piano), Renaud Capuçon (Violine) und sein Bruder Gautier (Cello) bewältigen das eigentlich unspielbare Werk bravourös. Wer Wein und Musik zusammen genießt und für einen Moment die Augen schließt, wähnt sich in der abendlichen Provence (Ravel Sonates & Trio bei EMI "Virgin Classics").

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