Feindbild Fremdenverkehr
Kreuzberg will Touristen aussperren

Sie bringen Geld, aber gerne gesehen werden sie nicht immer: Millionen Touristen ziehen über Berlin hinweg. Die deutsche Hauptstadt liegt europaweit sogar auf Platz drei der Top-Touri-Städte. Doch Kreuzberg protestiert.
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BerlinDas Feindbild steht fest: Es ist jung, kommt aus England, Italien oder Schweden, zieht morgens einen ratternden Rollkoffer übers Kreuzberger Kopfsteinpflaster und leert nachts

grölend Bierflaschen. Alteingesessene in Berlin-Kreuzberg wollen die lauten Besucher am liebsten vertreiben, notfalls auch mit Hilfe der sonst so verhassten Polizei. „Hilfe, die Touris kommen“, lautete die Überschrift auf einer Einladung der Grünen - die sonst doch immer so demonstrativ für Toleranz werben. Mehr als 120 Menschen sind ihr gefolgt, der Saal an einer dunklen Seitenstraße Kreuzbergs ist überfüllt. Das Thema polarisiert in der ganzen Hauptstadt, aber hier im linksalternativen Kiez ist der Zorn am größten.

„Wir sind kein Zoo“, ruft ein junger Mann in tiefhängender Jeans und blauem Kapuzenpullover in den Saal. „Touristen sollen sich den Kudamm oder Alex geben.“ Wenig später empört sich bei der Debatte am Montagabend ein Mann im farbbespritzen Overall: „Warum kann man das denn nicht verbieten?“ Er wird immer lauter: „Ja, warum denn nicht?“ Zustimmendes Gemurmel im Publikum, das sich einig ist: Großstadt und Toleranz ja, aber nicht mehr gegenüber der stetigen Flut der Touristen, die durch die Kneipen und Clubs Kreuzbergs zieht.

Die meisten der Männer und Frauen im Publikum sind zwischen 35 und 65, viele tragen Wolljacken, Cargohosen oder Lederjacken. Die Grünen-Politiker am Tisch gehören zu den Jüngeren im Saal. Ein Satz, der immer wieder fällt: „Ich wohne seit mehr als 20 Jahren in Kreuzberg.“ In den vergangenen Jahrzehnten stand der Stadtteil für alternative Kultur, hohen Ausländeranteil oder Straßenschlachten mit der Polizei. Nun fallen Sätze über „die Touristen“, die an Fremdenfeindlichkeit erinnern könnten.

Eine schwarz gekleidete Frau mit rotgefärbten Haaren erzählt von Erbrochenem auf dem Bürgersteig und Nächten voller Technomusik aus den Open-Air-Clubs, die aus dem Kreuzberger Spreeufer eine der beliebtesten Partymeilen der Stadt gemacht haben. Ihre Wut klingt wie die Empörung eines schwäbischen Dorfbewohners über ein Punkkonzert in den 80er Jahren: „Sie pinkeln in die Hauseingänge, werfen Bierflaschen und grölen herum.“ Als immer mehr geschimpft wird, sagt ein alter Mann mit weißem Bart und Ringelpulli: „Das ist Sarrazin-Denken.“

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