Flugzeugunglück
110 000 Euro für ein Menschenleben des Air-France-Fluges 447

Nach Informationen von „Le Monde“ können die Hinterbliebenen der Opfer des über dem Atlantik abgestürzten Airbus schon bald mit Entschädigungszahlungen der Versicherer rechnen. Die ersten Klagen der Angehörigen laufen bereits – doch die Aussichten auf Schadenersatz und Schmerzensgeld fallen gering aus.

BERLIN. Hinterbliebene der Opfer des über dem Atlantik abgestürzten Airbus werfen der Fluggesellschaft Air France mangelndes Mitgefühl vor. Nun haben einige einen Verein gegründet, wie die französische Tageszeitung „Le Parisien“ berichtet. „Die Fluggesellschaft hat sich nur wenig um uns gekümmert“, sagte Christophe Guillot-Noël, der Gründer der Vereinigung der Hinterbliebenen der AF-447-Opfer.

Nach Informationen von „Le Monde“ können die Hinterbliebenen der Opfer schon bald mit Entschädigungszahlungen der Versicherer rechnen. Die Allianz, Axa, Swiss Re und andere Finanzkonzerne könnten 330 Mio. Euro auszahlen, schrieb die Zeitung. Für die Versicherungen sei es das teuerste Unglück seit 2001, sagte Patrick de La Morinerie von Axa der Agentur Bloomberg.

Nach Ansicht von Paul Degott, Luftverkehrs- und Reiserechtsexperte aus Hannover, können die Angehörigen voraussichtlich mit Schadenersatz in Höhe von rund 110 000 Euro rechnen. „Das hört sich jetzt makaber an, doch wenn etwas Zeit vergeht, werden die finanziellen Ansprüche durch den Absturz für die Hinterbliebenen zwangsläufig noch eine wichtige Rolle spielen“, sagt Degott.

Der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Reiserecht bezieht sich auf das Montrealer Übereinkommen, das nachgewiesene materielle Schäden bei Flugzeugabstürzen regelt, ohne dass vorher die Schuldfrage geklärt sein muss. Solange die Absturzursache nicht geklärt ist, müssen die Juristen die Schuldfrage am Tod der 228 Insassen, darunter 28 Deutsche, beiseite lassen. Bislang ist nichts nachgewiesen. Eine Familie hat sich nach französischen Zeitungsberichten bereits beim zuständigen Untersuchungsrichter als Nebenklägerin gemeldet. Air France selbst hat sich zu möglichen Schadenersatzforderungen noch nicht gemeldet.

Die Angehörigen haben laut Anwalt Degott zurzeit nur einen Anspruch auf eine sofortige Abschlagszahlung von rund 18 000 Euro etwa für Beerdigungskosten. Weisen sie dann weitere materielle Schäden wie Unterhaltsansprüche von Ehefrau und Kindern an Eltern oder finanzielle Ausfälle im eigenen Betrieb des Opfers nach, kann sich die Summe auf 110 000 Euro erhöhen. Ab dieser Höhe beginnt meist ein juristisches Tauziehen: „Sind die Schäden größer, müssen sich die Angehörigen oft auf einen langwierigen Prozess einstellen, da die Fluggesellschaften sich wehren können und in der Regel auch wehren.“ Die Angehörigen müssten zudem selbst das Geld einfordern. Von sich aus würde Air France wohl kaum auf die Betroffenen zugehen, sagt Degott.

Mager sieht es auch beim Schmerzensgeld aus. Die Analyse des Juristen klingt nüchtern: „Wenn die Maschine in der Luft explodiert sein sollte, fällt der vererbbare Anspruch der Opfer weg“, sagt Degott. Was wohl nichts anderes heißen kann, als dass die Opfer bei dieser Variante aus Sicht der Justiz keine Schmerzen erdulden mussten. Nicht viel besser sieht es bei den Angehörigen aus, die durch den Verlust des ihnen nahestehenden Menschen leiden. „Im Gegensatz zu den USA wo sich die Summe in exorbitante Höhen schrauben, ist in Deutschland wohl nur mit 10 000 oder 20 000 Euro zu rechnen“, sagt Degott. Denn der Ersatz von psychischen Schäden wie Angst oder Schock sei ausgeschlossen. Den Gerichtsstand im Fall des Air-France-Fluges 447 in die USA zu verlegen, dürfte schwer sein. Beim Flug habe es keinen Anknüpfungspunkt zu den USA gegeben, sagt Degott. Er glaubt deshalb, dass die Opferanwälte versuchen werden, den Gerichtsstand nach Frankreich zu verlegen, wo die Schmerzensgelder wenigstens etwas höher ausfallen.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
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