Foodwatch-Chef Thilo Bode
„Man kann sich auch mit Bio-Wein ins Koma saufen“

Essen ist Gesellschaftsthema Nummer eins. Dabei geht es nicht nur um die schmackhafteste Zubereitung und Darreichungsform, es geht um Qualität und Produktionsbedingungen. Die behält Foodwatch-Chef Thilo Bode im Blick.
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Weber-Grill oder vegan, Low Carb, Paleo oder Soylent – Essen ist zum ganz großen Thema geworden. Dabei geht es nicht nur um verschiedene Essenweisen, sondern vor allem auch um schädliche Inhaltsstoffe, Produktionsbedingungen und fairen Handel. Ein Auge auf diese Entwicklung hat Thilo Bode. Er ist Chef des Vereins Foodwatch, die sich selbst als „Die Essensretter“ bezeichnen. Bode über das Label „Bio“, Antibiotika, laktosefreie Lebensmittel und die Verantwortung des Verbrauchers.

Herr Bode, woran liegt es, dass sich die Leute ausdauernder als je zuvor übers Essen unterhalten?
Ist das so? Essen samt der damit verbundenen Industrie sind ja auch ein enorm wichtiger Teil unseres Lebens geworden. Und die Debatten zeigen letztlich, dass der Aufklärungsbedarf immer noch sehr groß ist.

Ist immer nur die böse Industrie schuld, oder hat der Verbraucher auch eine gewisse Verantwortung?
Im Spannungsfeld zwischen Kollektiv- und Individualverantwortung spielt sich die entscheidende Debatte ab. Was dabei gern fehlt, ist ein Hinweis auf das 2002 beschlossene Lebensmittelrecht, die EU-Basisverordnung 178/2002. Darin sind nach der BSE-Krise zwei ganz klare Prinzipien verankert worden: Schutz vor Täuschung und Schutz vor gesundheitlichen Gefahren. Beides ist aber noch immer nicht überall gewährleistet.

Inwiefern?
Hier der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft oder von Zusatzstoffen, die zwar erlaubt, aber fragwürdig bis unnötig sind. Dort irreführende Werbung und eine intransparente Lebensmittelkennzeichnung.

Nun ja, als Verbraucher reagieren wir mal besonders hysterisch, dann wieder sehr phlegmatisch.
Auch wir Verbraucher tragen einen Teil der Verantwortung. Wir können sie allerdings nur dann übernehmen, wenn wir echte Wahlfreiheit haben, also alle entscheidenden Informationen über Lebensmittel auch erhalten – etwa zur Herkunft oder zum Einsatz von Agrar-Gentechnik, was heute nicht der Fall ist. Vor allem muss der Staat daher für Transparenz sorgen, und die Lebensmittelindustrie muss endlich der Allgemeinheit dienen. Bei der Sicherheit von Lebensmitteln darf es ohnehin keine Kompromisse geben, darauf müssen wir uns verlassen können. Besonders sensible Bereiche wie etwa die Werbung für Kinderlebensmittel müssen gesetzlich scharf überwacht werden.

Der Anteil laktosefreier Lebensmittel ist weit höher als der von Lactose-Allergikern an der Gesamtbevölkerung. Was verrät das über uns?
Oft werden – auch von der Industrie - schlicht die falschen Debatten geführt… aber auch die falschen Lösungen angeboten für Probleme, die vielleicht gar keine sind. Dann wird der Hinweis „laktosefrei“ plötzlich wie ein besonderes Qualitätsmerkmal verkauft.

Was ist Ihnen im Zweifel wichtiger – ein gesundes oder ein biologisch angebautes Lebensmittel?
Gesundheit ist für jeden Verbraucher das A und O. Salopp gesagt: Man kann sich auch mit Bio-Wein ins Koma saufen. Aber im Ernst: Ohne Zweifel muss Lebensmittelproduktion ökologischer werden. Wenn wir jetzt aber alle nur noch Bio-Steaks essen, ist das nicht die Lösung, die sind sogar schlechter fürs Klima als konventionelle Steaks. Tier- und Umweltschutz können wir nicht allein dem Individuum aufbürden. Hier muss der Gesetzgeber klare Vorgaben für die Agrar-Industrie machen. Wenn wir eine echte Verbesserung der Zustände in der Agrarwirtschaft und der Nutztierhaltung wollen, darf man eine Wahrheit nicht verschweigen: Am Ende werden Lebensmittel teurer. Aber diesen Preis müssen wir alle zahlen. Grundsätzlich gilt heute: Billig ist nicht unbedingt schlechter, teuer ist nicht unbedingt gut. Die Discounter sind zum Beispiel besonders streng, was die Pestizidbelastung angeht, weil sie sich negative Meldungen am wenigsten leisten können.

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„Echte Transparenz hilft vor allem den Qualitätsanbietern“

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