Gastro-Krieg in Los Angeles
Gourmet-Foodtrucks erobern Kalifornien

Die Krise macht erfinderisch. Wenn der Gast nicht mehr ins Restaurant kommt, dann kommt das Restaurant eben zum Gast. Gourmet-Foodtrucks sind Trend in Los Angeles. Zu finden sind die mobilen Ess-Oasen in LA nur per Zufall - oder per Twitter. Es sei denn, die Polizei hat sie wieder vertrieben.
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SHERMAN OAKS. "Wir sind spät dran, also bis gleich um sieben. Es gibt Gyros und Bunny Chow." Mehr als 140 Zeichen hat @KogiBBQ nicht, aber den Fans reicht das locker. Der Urvater der Gourmet-Foodtrucks macht an diesem Freitagabend an seinem Standardplatz in Sherman Oaks vor den Toren von Los Angeles Station, vermeldet die Twitternachricht. 2009 begründete der rote Kogi-Truck einen Trend, der sich schnell verselbständigt hat: Edle Snacks für den schnellen Hunger in der Mittagspause oder nach durchzechter Partynacht in Venice Beach. Wenn alle Restaurants längst geschlossen haben, halten die Gourmet-Laster noch immer etwas für jeden Geschmack bereit. Aus dem ersten Kogi-Truck sind mittlerweile über sechzig Nachahmer geworden, sie heißen Gastrobus, Kabob'n Roll, Papas Tapas, The Shrimp Pimp oder Dim Sum Truck. Auf der berühmten Miracle Mile zwischen Fairfax und Western Avenue stehen an sonnigen Wochenenden zehn oder mehr von ihnen Stoßstange an Stoßstange, eine mobile Instant-Schlemmerzone auf Zuruf zwischen Museen und Kunstgallerien. Seiten wie www.findlafoodtrucks.com bieten einen kompakten Überblick über die Szene und was sich Neues tut. Wo sie auftauchen, ist für die Restaurantbesitzer vor Ort das Geschäft gelaufen. Und die Zeiten sind hart: Erstmals seit zehn Jahren ist 2009 nach Analysen der NPD Group die Zahl der Restaurants in den USA gesunken, und zwar um sechs Prozent. Ein Drittel aller Schließungen gab es in Kalifornien.

„Es ist einfach erstaunlich“, sagt Mike Heiss, während wir zusammen geduldig in der Schlange vor dem knallgelben „Gastrobus“ warten. „Eines Abends kam der KogiBBQ mal in unserer Gegend vorbei. Er stellte sich nur einfach so hin und keine zehn Minuten später standen vierzig Leute in der Schlange. So was habe ich noch nicht erlebt.“

Heute warten wir zur Mittagszeit gemeinsam in Northridge auf dem Campus von Harman International auf ökologisch korrekte Thai-Hühnchen-Wraps mit frischem Salat, Basilikum und Minze vom lokalen Biowochenmarkt in Los Feliz. Der Gastrobus wird von Antonio Medina und seiner Frau Lana betrieben. Medina war Chefkoch eines der Restaurants von Wolfgang Puck, bevor er sich entschloss, einmal etwas anderes zu machen. Er wollte Leben und Arbeit besser koordinieren, mehr Zeit mit seiner Frau verbringen, sagt er. Jetzt stopft er geduldig kleine Weizen-Tortillas mit exotischer Füllung und Lana nebenan nimmt gut gelaunt die Bestellungen entgegen. Leuchtend rote Tomaten zieren die Auslage und frische Kräuter.

Das Geschäft brummt. Die Krise hat tiefe Schleifspuren in den Brieftaschen der Mittelschicht hinterlassen. Die trendigen Trucks sind jetzt eine günstige Gelegenheit um zu sparen, ohne es zugeben zu müssen. „Mann“, sagt Peter, den ich in einer Schlange vor dem KogiBBQ treffe, grinsend mit einem Augenzwinkern. „Das hier ist Los Angeles. Hier sparen nur Verlierer. Gewinner folgen einem coolen Trend, der rein zufällig auch noch billig ist.“ Niemand gibt zu, nach der Disco-Nacht seine Freundin an den Truck zu schleppen, weil er sich die 60 bis 100 Dollar für den Restaurantbesuch nicht mehr leisten kann. Man geht halt zum angesagten Roadside-Bocuse, weil es einfach „in“ ist.

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