Gotthardtunnel
Der schnellste Weg durch die Alpen

Der Gotthardtunnel begeht am Freitag seinen 125. Geburtstag. Als er 1882 eröffnet wurde, hatte die Schweiz ein Wettrennen gegen die Zeit für sich entschieden: Mit dem neuen Gotthardtunnel war die schnellste Verbindung zwischen Nord und Süd geschaffen.

ZÜRICH. „S Chileli vo Wasse“ ist seit Emil Steinberger ein Klassiker des Kabaretts. Dreimal zu sehen ist die Kirche von Wassen für diejenigen, die in die Gotthardbahn steigen und mit dem Zug die Alpen durchqueren. Reisegruppen genießen die Sicht, schieben sich, wenn der Zug im Tunnel eine Kehre macht und sich nach oben windet, wie auf Kommando von der linken Wagonhälfte auf die rechte, dann zurück, dann wieder von vorn. Das Ritual gibt es seit 125 Jahren. So alt ist die Gotthardstrecke nun.

Heute ist Jubiläumstag. „Schneller“ heißt die Devise heute wie damals. Als 1882 der Tunnel eröffnet wurde, hatte die Schweiz ein Wettrennen gegen die Zeit für sich entschieden. Mit dem neuen Gotthardtunnel war die schnellste Verbindung zwischen Nord und Süd geschaffen. Österreich und Frankreich, die ebenfalls an Alpenquerungen arbeiteten, hatten das Nachsehen. Inzwischen hat das Wettbuddeln wieder eingesetzt und wieder sieht es so aus, als würden die Eidgenossen gewinnen: Während heute zum Jubiläum an der alten Gotthardstrecke bei Wassen eine originale Dampflokomotive den Berg hinaufschnauft, buddeln weiter unten im Tal Arbeiter am neuen Gotthard-Basistunnel: Diesmal wird das Bauwerk keine bescheidenen 15, sondern gleich 57 Kilometer lang. Wenn der Basistunnel wie geplant in neun Jahren fertiggestellt ist, darf die Kirche von Wassen wieder in ihren Dornröschenschlaf verfallen.

1863 fällt Alfred Escher die Entscheidung, die Strecke von Basel nach Lugano durch das Urner Reusstal, unter dem Gotthard hindurch und die Tessiner Leventina zu führen. Der Mann ist ein Multitalent, als gelernter Jurist ein begabter Politiker und dreimaliger Präsident des Schweizer Nationalrats; als begeisterter Techniker Initiator der Gotthard-Bahn sowie Gründer der eidgenössisch-technischen Hochschule in Zürich sowie als vermögender Bürger darauf bedacht, sein Geld zu vermehren. Er erkennt, dass sich die Schweiz gefährlich isoliert, wenn sie nicht eine Eisenbahn durch die Alpen führt, was Österreich mit Semmering- und Brenner- sowie Frankreich mit der Mont-Cenis-Route bereits in Angriff genommen hatte. Die oft zerstrittenen Kantone dafür zu gewinnen, scheint ihm hoffnungslos. Er setzt auf private Initiative und gründet die Nordostbahn. Ein Projekt wie den Gotthardtunnel kann er jedoch mit diesem Vehikel nicht verwirklichen, dafür braucht er Investoren. So gründet er nebenbei auch eine Kreditanstalt, die Vorgängerin der heutigen Großbank Credit Suisse. Escher spannt vor seine Pläne zur Modernisierung der Schweiz eine „Dampfmaschine des Geldes", schreibt sein Biograph. Im September 1872 sind zwischen Ariolo und Göschenen 3 000 Männer im Einsatz. Die Luft im Loch ist schlecht, es herrschen tropische Temperaturen, die Sicherheitsvorkehrungen sind mangelhaft. 197 Menschen verlieren beim Bau der Gotthardlinie ihr Leben.

Zu denen, die die erste Fahrt durch den Tunnel nicht mehr miterleben, gehört auch der Genfer Ingenieur Louis Favre, der die Oberaufsicht über den Bau führt. Der Gotthardvertrag zwischen der Schweiz, Deutschland und Italien sieht acht Jahre Bauzeit vor. Ansonsten sollte Favre für zusätzliche Kosten geradestehen. Nach der vereinbarten Frist gelingt jedoch gerade der Durchbruch – mit einer seitlichen Abweichung von 33 Zentimetern. Da ist Favre schon 233 Tage tot. Herzschlag während einer Tunnelinspektion. Seine Familie verarmt, weil anschließend noch einmal zwei Jahre gebaut werden muss, bis der erste Zug durch rollt. Ein halbes Jahr nach der Eröffnung stirbt Escher. Auch er ist nie durch den Tunnel gefahren, der Nord und Süd näher aneinander rücken lässt und eine halsbrecherische Postkutschenroute überflüssig macht.

„Die Deutschen“, schreibt die Neue Zürcher Zeitung, die rund 100 Jahre mehr als der Tunnel auf dem Buckel hat, zum Jubiläum, „dürfen ruhig ihren Benedikt haben“ und „Wir sind Papst“ schreien. Die Schweizer hätten dann allerdings recht, auf ihrem Motto „Wir sind Gotthard!“ zu bestehen. Richtig fröhlich klingt das allerdings nicht, denn die alte Röhre kann selbst nach ihrer Ergänzung um einen Straßentunnel den Verkehr nicht mehr aufnehmen. Rund 1,2 Mill. Lastwagen durchqueren den eidgenössischen Teil der Alpen pro Jahr auf eigener Achse. Der Gotthardbasistunnel und der in diesem Jahr in Betrieb gehende Lötschbergtunnel sollen diese um knapp die Hälfte senken. Bisher ist beim Bau das meiste gut gegangen. Aber Richtung Norden sind die Arbeiter inzwischen auf „schlechtes Gebirge" getroffen: Statt vier Meter kommen sie zeitweise nur einen Meter pro Tag voran. Dennoch soll sich Favres Schicksal nicht wiederholen. 2016 wird eröffnet. Für die Schweizer ist das eine Frage der Ehre.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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