Handelsblatt-Reportage
Vom Traum nach dem 9 11-Albtraum

Ehemalige Mitarbeiter des berühmten Restaurants im World Trade Center haben ein eigenes Lokal gegründet – und kämpfen mit den Widrigkeiten des Marktes.

NEW YORK. Heute Abend werden sie sich treffen, wie schon vor einem Jahr und im Jahr davor. Sie werden essen und beten, sie werden der Toten gedenken und sich daran erinnern, wie es war, als sie komplett waren. Als es die Frühschicht noch gab. Die Frühschicht des Restaurants „Windows of the World“ im 107. Stock des World Trade Center. Kellner, Köche, Küchenjungs, der diensthabende Chef, der Sommelier. Insgesamt 73 Menschen. Die Terroristen des 11. September 2001 brachten ihnen den Tod. Diejenigen, die heute zusammen kommen, arbeiteten in der Spätschicht. Mancher verdankt sein Überleben einem Schichttausch.

Ihr Treffpunkt ist das Restaurant » „Colors“ in Manhattan, und so sehr ihr Wiedersehen von schmerzhaften Erinnerungen geprägt ist, so sehr ist das Lokal für sie ein Symbol für Aufbruch und Zuversicht. Colors wurde von ehemaligen Angestellten des „Windows of the World“ gegründet. Psychologisch ist das Restaurant so etwas wie ein Selbsthilfeprojekt zur Traumaüberwindung. Ökonomisch ist es der Versuch, eine fast vergessene egalitäre Form der Arbeitsorganisation zu beleben.

Weder das Äußere noch das Innere des Lokals deuten auf die Vorgeschichte hin. Ein elegant-schlichtes Interieur mit Anklängen an den Art-déco-Stil. Gedämpftes Licht, leise Musik. Links eine lange Bar, rechts gemütliche Sitzecken, in der Mitte Holztische. Das Wanddesign spielt mit dem Thema Welt: schwarz umrissene Kontinente hinter Milchglas. Doch kein Hinweis auf 9/11, keine Gedenktafel, kein Schrein. „Wir wollten unser Marketing nicht auf der Katastrophe aufbauen“, sagt Victor Rojas, der Manager. „Das wäre respektlos gegenüber den Opfern.“ Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Es wäre auch schlecht für die Stimmung der Gäste.“

Kräftig Werbung macht Colors hingegen damit, dass es das erste Restaurant in Manhattan in der Rechtsform einer Kooperative ist. Jeder der 30 Mitarbeiter ist an dem Lokal beteiligt. Es ist „ihr“ Projekt, und sie sind stolz darauf, für sich selbst zu arbeiten. „It’s not only about the job, it’s a mission“, sagt der Koch Oscar Galindo. Soll heißen: „Es geht uns nicht nur um den Job. Wir haben auch eine Botschaft.“

Dem Schrecklichen, das sie erlebt haben, setzen sie etwas Positives entgegen: einen Traum von Fairness und Harmonie. Ihre Botschaft: Schluss mit der Ausbeutung von Küchenhelfern und Servicekräften, Schluss mit ungerechter Bezahlung und Diskriminierung. Dafür gleicher Lohn für alle, Mitsprache und Wertschätzung jedes Einzelnen. Das erinnert ein wenig an Sozialismus und wirkt im Zentrum des Kapitalismus deplatziert. Berücksichtigt man allerdings die Erfahrungen der Colors-Mitarbeiter, ist der Wunsch nur allzu verständlich.

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