Hiddensee
Das Glück ist goldgelb

Ob Maler, Schauspieler oder Schriftsteller – im 19. Jahrhundert war Hiddensee, die kleine Schwester Rügens, ein Ort, von dem sich Deutschlands Kulturelite angezogen fühlte. Die Magie ist geblieben – das wird auf den Wegen zwischen Leuchtturm und Neuendorf deutlich. Ein Spaziergang auf den Spuren der Vergangenheit.

HB. Dass wir an der Ostsee sind, ist leicht an der gebückten Haltung der Strandspaziergänger zu erkennen. Fast rechtwinklig verhalten sich die Oberkörper zu den Beinen, dazu halten die meisten die Hände auf dem Rücken verschränkt und stieren so konzentriert auf die Melange aus Kieselsteinen, Sand und angelandeten Algen, als ob ihnen hier irgendwo ein 500-Euro-Schein aus der Windjacke geweht wäre. Die Spaziergänger suchen den Ostseestrand von Hiddensee nach Bernstein ab. Abends raunen sich Urlauber und Einheimische wilde Geschichten von eierdicken Bernsteinen zu, die irgendwo zwischen dem Steilufer des Dornbuschs und dem Strand von Neuendorf-Plogshagen gefunden wurden. Wer in diesen Vorfrühlingstagen nicht nach dem goldgelben Glück sucht und wer nicht einfach mal Luft schnappen oder in sich selbst hineinhorchen will, der sitzt vielleicht am Strand und malt. Westwärts, wo sich Himmel und Meer im Horizont die Welt teilen, musst Du den Wechsel von Licht und Dämmern, die Verwandlung von Wolkengrau in Blaudunst wie eine maritime Farbenlehre studieren und in dem Augenblick, wo du sie glaubst verstanden zu haben, wieder verwerfen.

Dazu braucht es, hier auf Hiddensee, nicht unbedingt das geübte Auge des akademischen Malers. Seit die kleine Schwester Rügens um die 19. Jahrhundertwende von Malern, Schriftstellern und Schauspielern entdeckt wurde ist sie Motivgeberin für Kreative. So findet in diesen Februartagen wieder ein „Tanzurlaub auf Hiddensee“ statt, der mit dem Erbe der großen Ausdruckstänzerin und Tanzpädagogin Gret Palucca (1902-1993) zu tun hat, die hier in den Sommermonaten Unterricht gab. Sie wurde auf dem kleinen Friedhof von Kloster Hiddensee begraben.

Der Inselfriedhof ist nicht nur wegen der Künstlergräber einen Besuch wert, sondern wegen einiger 250 Jahre alter Grabsteine, die unmittelbar vor der Kirche erhalten sind. Auf ihnen sind – kaum noch leserlich – die Namen der Bestatteten zu erkennen, aber auch die runenähnlichen Hausmarken, die zu jedem Haus und zu jeder Familie gehörten. Auch Gerhart Hauptmann wurde auf dem kleinen Friedhof in Kloster begraben. Der Literaturnobelpreisträger („Die Weber“) befand 1935: „Hiddensee war das geistigste aller deutschen Seebäder“, und er sprach dies im Imperfekt aus, weil das Inselchen in den 1930-er Jahren einen beträchtlichen Zulauf gefunden hatte: Für den Zulauf der Schickeria hatte der Dichterfürst Gerhart Hauptmann selbst gesorgt, wiewohl er zuvor besorgt geschrieben hatte: „Hiddensee ist eines der lieblichsten Eilande, nur stille, stille, dass es nicht etwa ein Weltbad werde.“

Aus heutiger Sicht muss sich Gerhart Hauptmann nicht sorgen: Übers Jahr halten sich die Touristenströme in Grenzen; meist kommen Tagesgäste aus dem benachbarten Rügen zu einem Kurztripp auf die Insel mit dem 16 Kilometer langen Sandstrand und einer Wespentaille, die an der schmalsten Stelle gerade mal 200 Meter schlank ist.

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