Iran
Den Schnaps besorgt die Sitte

Begegnungen mit Iranern, die mit der aktuellen Politik ihres Landes nicht viel zu schaffen haben.

ISFAHAN. Auf der Landstraße zwischen Kaschan und Natanz holt der Fahrer das Letzte raus aus seinem alten Peykan-Taxi. Der Nachbau eines englischen Modells aus den frühen 70ern hat sicher schon die islamische Revolution erlebt. Zur Linken erstreckt sich die berüchtigte Dasht-e Kavir, die riesige Salz-Wüste in Zentral-Iran. Rechts türmt sich das majestätische Zagros-Gebirge. Dahinter liegt Isfahan, das Etappenziel.

„Almanya?“ fragt der Taxifahrer, der kein Wort Englisch spricht, aber doch das Gespräch sucht. „Baleh“, antwortet der Reisebegleiter. Ja, aus Deutschland kommen wir. „Hamburg“, füge ich hinzu. Seine Augen leuchten.

Strahlend erzählt er etwas, das nach „HSV“ klingt und „Mahdavikia . . .“ Das Gespräch kommt ins Stocken, aber wir sind uns nicht mehr fremd; Bundesliga-Profi Mehdi Mahdavikia verbindet. Wir schweigen uns durch bis Natanz, einer langweiligen Provinzstadt, die durch ihre berüchtigte Uran-Aufbereitungsanlage im Zentrum der Weltpolitik steht.

Davon ist an der Bushaltestelle am Stadtrand nichts zu spüren. Zweierlei Busse halten hier, alte Mercedes-Schrottmühlen und moderne Vehikel, mit denen auch deutsche Omas auf Kaffeefahrt gehen würden.

Unser Bus gehört zur ersten Kategorie – eine betagte Karosse. Glücklicherweise packt er kaum Tempo 60, und der Fahrer traut sich auf der Gebirgsstraße keine gefährlichen Überholmanöver zu.

Endlich Isfahan. In der Abenddämmerung schlendern wir über den Königsplatz, der heute Meydan-e Imam heißt, „Platz des Imam“ – zur Erinnerung an den verstorbenen Revolutionsführer Khomeini, dessen grimmiges Gesicht wie „Big Brother“ von den Moschee-Mauern blickt. Während wir in das Labyrinth des angrenzenden Basars eintauchen, spricht uns ein junger Mann in ausgezeichnetem Englisch an. Er begleitet uns in ein gemütliches Lokal im Basar, wo wir auf Teppichen sitzen und eine Art Gulasch mit dem üblichen nussig schmeckendem Reis essen.

Mehdi, so heißt er, erzählt, dass er das Gesicht Khomeinis genauso abstoßend findet wie wir! Wir kennen uns noch keine Stunde und sprechen doch über die große Politik, Philosophie (Nietzsche ist erstaunlicherweise nicht verboten) und Sex, auch hier das Thema Nummer eins. Irans Männer sind im Internet stetig auf der Suche nach neuen, noch nicht von der Regierung gesperrten Pornoseiten, erzählt Mehdi.

Seite 1:

Den Schnaps besorgt die Sitte

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%