Jürgens Weinlese: Das australische Nationalheiligtum

Jürgens Weinlese
Das australische Nationalheiligtum

Penfolds Grange ist ein Kultwein: Ein Ministerpräsident musste aufgrund des Weines zurücktreten, und nun will offenbar ein französischer Getränkegigant den milliardenschweren Produzenten am anderen Ende der Welt kaufen.
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SydneyDie Australier nehmen ihren Wein ernst. Besonders, wenn es sich um „Penfolds Grange“ handelt. Unlängst musste der Ministerpräsident des Bundesstaates New South Wales zurücktreten, weil er von einem Lobbyisten eine Flasche seine Geburtsjahrgangs 1959 angenommen und dann über ihren Erhalt gelogen hatte.

Dass der sich an den Wein im Wert von 3000 australischen Dollar (2050 Euro) nicht erinnern will, nehmen ihm die Bürger fast noch mehr übel als die Korruption. Eine Flasche Penfolds Grange vergisst man nämlich nicht, schon gar nicht als Australier. Im Land ist der Grange eine Ikone, so ähnlich wie Chateau Lafite Rothschild in Frankreich.

Die Franzosen schoben auch die Gerüchte an, dass das Nationalheiligtum bald verkauft werde. Anfang Mai hieß es, der zweitgrößte Getränkegigant der Welt Pernod Ricard wolle Treasury Wine Estates übernehmen, das Unternehmen hinter Penfolds. Daraufhin schoss die Treasury-Aktie um 15 Prozent nach oben und das Management beeilte sich mit der Erklärung, dass man keineswegs über einen Verkauf verhandle.

Ein solcher wäre aus Sicht der Australier schlicht die Unterwerfung unter die „Barbaren“, wie der lokale „Sydney Morning Herald“ entrüstet titelte, als das neue Gerücht aufkam, die Investment-Gesellschaft Kohlberg Kravis Roberts habe drei Milliarden Dollar geboten (2,5 Milliarden Euro) – auch das eine Offerte, die Treasury nach eigenen Angaben abgelehnte.

Nun ist Treasury Wines – ein Spinoff des Bierproduzenten Fosters - mit einem Umsatz von knapp 1,7 Milliarden australischen Dollar auch nicht gerade eine liebevolle kleine Manufaktur. Vielmehr handelt es sich um einen der größten Weinhersteller der Welt, der neben Penfolds Grange auch Massenware wie Wolf Blass, Lindemann's, Rosemount und noch rund 80 andere Weinmarkten vertreibt. Die Fans, die jedes Jahr vor Penfolds Magill Estate Weingut anstehen, um für hunderte Dollar pro Flasche einen neuen Jahrgang Grange zu kaufen, wollen vom Massenmarkt rund um ihr Kultprodukt jedoch nichts wissen.

Die Masse verbirgt die Klasse

Diese beiden Parallelwelten aus Masse und Klasse sind typisch für australischen Wein. Einerseits verdarb die billig vertriebene Weinschwemme aus „Down under“ bei vielen Konsumenten in Europa und USA den Ruf der australische Weine. Schließlich ist die erst vor 13 Jahren geschaffene gut erschwingliche „Yellow Tail“-Serie aus dem Hause Casella inzwischen die bekannteste australische Weinmarke. Von der gehen im Jahr rund 150 Millionen Flaschen über den Tresen. Doch gerade den als „günstig“ konstipierten „Lifestyle“-Weinen mit den bunten Etiketten macht der international vergleichsweise hoch bewertete australische Dollar schwer zu schaffen.

Casella beispielweise hat schon zum zweiten Mal in Serie ein Defizit beim Jahresergebnis eingefahren. Andererseits halten sich nun viele Käufer, denen ein paar Cents hin oder her für einen guten Tropfen nicht wehtun, fern von australischem Wein, weil sie ihn dank der Massenmarken im Supermarktregal für eher zweitklassig halten.

In der Tat dominieren fünf große Weinfabriken - Accolade Wines, Treasury Wine Estates, Casella Wines, Pernod Ricard Winemakers und Australian Vintage - die Hälfte der australischen Weinproduktion. Insgesamt macht Australien mehr als 1,2 Milliarden Liter Wein im Jahr, zwei Drittel der Produktion werden exportiert, was das Land nach Volumen zum fünftgrößten Exporteur macht hinter Italien, Frankreich, Spanien und Chile.

Die wichtigsten Abnehmer sind USA, Großbritannien, China, Kanada und Deutschland. Angesichts dieser trinkbaren, freundlichen, aber undifferenzierten Massenware schimpft Dan Jago, Wein-Einkaufschef der britischen Supermarktkette Tesco, weltweit einer der größten Abnehmerinnen für australischen Wein, schon seit Jahren: „Gebt den Weinen die Persönlichkeit zurück!“ Einheimische Weinjournalisten sind angesichts der geschmacklich sterilen Volumenlabels wie Rosemounts oder Wolf Blass nicht weniger kritisch. So schreibt beispielsweise Huon Hooke: „Gefällig, aber unglaublich langweilig“.

Doch das ist nur eine Seite. Auf der anderen zeigt sich, dass in einem Land, das jährlich 1,75 Millionen Tonnen Trauben verarbeitet, fast zwei Drittel der Winzer weniger als 100 Tonnen im Jahr pressen - und dabei oft echte Köstlichkeiten herstellen. Laut staatlicher Weinagentur Wine Australia hat sich die Zahl der Weingüter in der vergangenen Dekade auf über 2500 Weingüter nahezu verdoppelt. Diese Zahl bedeutet bei weitem nicht nur quantitative Expansion, sondern auch qualitative.

Nur zum Marinieren von Rinderbraten geeignet

Verewigt von Monty Python hatte australischer Wein dekadenlang den Ruf, bestenfalls zum Marinieren von Rinderbraten und nicht für die menschliche Leber geeignet zu sein, doch das ist überholt, inzwischen gilt Australien zumindest unter Fachleuten als Paradies für exzellente Weine.

So schreibt der Weinkritiker James Halliday, der den jährlich erscheinenden Führer „Australian Wine Companion“ herausgibt, die im Land verkauften Tropfen seien noch nie besser gewesen als heute. Als Indiz für steigende Qualität gilt beispielweise der abnehmende durchschnittliche Traubenertrag pro Hektar, der tiefer liegt als in anderen jungen Weinländern wie Argentinien oder Chile.

Auch haben Winzer in Australien im Verglich zu Frankreich oder Deutschland vergleichsweise großen Freiraum, den viele auch nutzen, um zu experimentieren und ihre Winzerkunst auszuleben. Auch wird es der Qualität guttun, dass die Sortenbreite gerade zunimmt. Die meist angebauten Rebsorten in Australien bislang sind Shiraz, Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Merlot und Sauvignon blanc, in der Reihenfolge. Jancis Robinson, die Weinkritikerin der Financial Times, beobachtet jedoch, dass nun auch Temperanillo, Sangiovese, Chenin Blanc, Nebbiolo oder Zinfandel auftauchen.

Ein weiterer Anstoß, auf Qualität zu setzen, kommt aus China, wie Wine Australia beobachtet. Während weltweit immer mehr Massenwein in Containern billig verschifft wird, steigt in China die Nachfrage nach in Australien abgefülltem Flaschenwein. 2012 kauften die Chinesen nach Volumen über 16 Prozent mehr australische Qualitätsweine und gaben dafür über 23 Prozent mehr Geld aus. Sie erwarben vor allem Flaschen im Wert von über 7,50 Dollar und machen China zum wichtigsten Empfängerland für australischen Flaschenwein, noch vor den USA oder Kanada.

Im Segment von über zehn Dollar pro Flasche liegt das Volumenplus bei vier Prozent - im Wert aber bei 37 Prozent. Damit geben chinesische Weintrinker heute im Schnitt mehr für eine Flasche australischen Wein aus als für eine mit französischem. Andrew Cheesman, Chef von Wine Australia, ist entsprechend angetan: „Die Strategie viele Winzer, auf Qualität und Vielfalt zu setzten, zahlt sich aus“.

Geniale Marketingidee

Max Schubert, der Schöpfer des Grange, wusste das von Anfang an – nur seine Landsheute haben ihn nicht verstanden. 1951, als kleiner Angestellter bei Penfolds, begann der Weltkriegsveteran einen Wein zu machen, der es mit den besten Tropfen der Welt aufnehmen sollte.

Er wurde nach einem Schuppen auf dem Gutshof benannt, doch als es zu den ersten Verkostungen kam, wurde Schuberts Kreation von den Australiern als „Gebräu“ abgekanzelt, das „niemand bei klarem Verstand kaufen würde“.

Danach kam die Anordnung vom Management, die Produktion einzustellen. Doch Schubert machte heimlich weiter und ging sogar soweit, die Jahrgänge 1957, 1958 und 1959 hinter falschen Wänden einzumauern, um sie zu verstecken. Dieser Ungehorsam gegen die Chefs war laut Weinkritiker Campbell Mattinson vom „Wine Companion Magazine“ eine der „besten Marketingideen aller Zeiten“. Eine Flasche Grange von 1959 kostet heute in Dan Murphy's Weinhandlung 4750 Dollar.

Dabei ist der Grange laut Mattinson heute noch umstritten – weil sein Geschmack so eigen ist, weil so viel amerikanische Eiche eingesetzt wird, wo der Trend sonst zu weniger Eiche geht und weil für seine Herstellung unterschiedliche Rebsorten aus verschiedenen Regionen verwendet werden. Mit letzterem habe der Grange im übrigen eine Alleinstellung unter den Luxusweinen der Welt.

Der Jahrgang 2008 gilt dennoch als der beste Grange-Jahrgang aller Zeiten, auch weil US-Weinguru Robert Parker ihm 100 von 100 Punkten gab – und seither ist die Flasche in Australien nicht für unter 750 Dollar zu haben. Der am 1. Mai in den Verkauf gegangene Grange 2009 wurde etwas kühler aufgenommen – und ist auch rund 100 Dollar günstiger als der gefeierte 2008er. Mögliche Übernahme-Interessenten wie Kohlberg Kravis Roberts dürfte das nicht abschrecken, denn es gibt Analysten die alleine die Marke Penfolds im Portfolio von Treasury Wines mit drei Milliarden Dollar bewerten.

Doch ob die in den Händen einer Investmentgesellschaft überleben würde, halten viele für fraglich, darunter auch Tony D'Aloisio, ehemals Chef der Australischen Börsenaufsicht ASIC und heutige Besitzer des kleinen Oakridge Gutes im Yarra Valley. „Weingüter brauchen langfristiges Kapital“, sagt er, „Kapital, das zur Not auch 15 oder 20 Jahre auf Ergebnisse warten kann“. Dafür ist KKR jedoch nicht bekannt.

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