Jürgens Weinlese
Wie ich die Deutsche Weinkönigin mitwählte

Früher reichte ein Walzertanz und eine gute Rede, um Weinkönigin zu werden. Heutzutage sind Fachwissen und Schlagfertigkeit gefragt. Bei manchen Fragen kam selbst ich als Jury-Mitglied ins Schwitzen.
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Die Atmosphäre war ich gewohnt. „Finale, ohohoho“ skandierte das Publikum immer wieder lautstark. Mit Trillerpfeifen und wehenden Fahnen. Doch diesmal geschah das nicht im Fußballstadion, sondern im Saalbau in Neustadt an der Weinstraße. Und die Fans mit ihren lauten Stimmen feuerten nicht ihr Fußballteam an, sondern ihre Kandidatin bei der Wahl zur Deutschen Weinkönigin. Ihre Kandidatin, die jeweilige Gebietsweinkönigin aus ihrem der insgesamt 13 Deutschen Weinanbaugebiete.

Zum ersten Mal saß ich in der 70-köpfigen Jury mit Politikern, Journalisten und Vertretern der Weinwirtschaft, die alljährlich die neue Repräsentantin des deutschen Weinanbaus wählt. Die Veranstaltung wurde professionell ausgerichtet vom Deutschen Weininstitut, der Marketingorganisation für den deutschen Wein.

Um diesen Termin haben mich viele der (zumeist männlichen) Kollegen beneidet. Sie hatten dabei oftmals das alte Bild der früheren Weinkönigin vor Augen. In den 50er und 60er Jahren reichte es aus, Walzer zu tanzen und eine gute Rede zu halten, um zu gewinnen. So beschrieb die Süddeutsche Zeitung die Kandidatinnen noch 1950 als „echte Töchter der Weinberge, von kräftiger Statur, kerngesund und apfelbäckig“. Bis 1980 erfolgte die Siegerehrung auch noch im obligatorischen Dirndl.

Doch diese Zeiten haben sich komplett geändert. Mittlerweile ist das Amt der Repräsentantin des Deutschen Weines eher ein Sprungbrett für eine Karriere. Beispielsweise war Julia Klöckner, CDU-Vorsitzende in Rheinland-Pfalz, 1995/1996 amtierende deutsche Weinkönigin. Andere „Königinnen“ spielen im Marketing für den deutschen Wein eine entscheidende Rolle.

Mittlerweile ist aber Fachwissen gefragt, um die Krone zu erlangen – was mich vor allem beim Vorentscheid am gleichen Ort eine Woche vor dem Finale ins Schwitzen brachte. Schließlich musste ich die Antworten auf die vier Fragen, die den 13 Kandidatinnen gestellt wurden, auch bewerten. Neben einer Publikums- und zwei Fachfragen musste eine auf Englisch beantwortet werden.

Kostproben gefällig? Was ist der Unterschied zwischen reduktivem (Herstellung frischer, aromatischer und fruchtbetonter Weine mit wenig Sauerstoff) und oxidativem Weinausbau (Wein-Herstellung mit gesteuertem Sauerstoffkontakt)? Was ist eine Spontanvergärung? (Vergärung ohne künstliche Hefen) Da konnte ich noch mithalten. Aber eine Antwort auf die Frage „Was ist ein Verjus?“ wusste ich auch nicht. (Es ist „grüner Saft“, hergestellt aus unreifen Trauben und wird in der gehobenen Küche als Essigersatz verwendet.) Zu meiner Erleichterung gab die Kandidatin auf diese Frage auch keine erhellende Antwort.

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„Vergessen Sie ihr Verhüterli nicht“

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