Unechter Bordeaux
China ist das Eldorado der Weinfälscher

Das Wachssiegel ist aus Plastik, die Etiketten sind dreist gefälscht. In China kommt eine Flut angeblich hochklassiger Bordeaux-Weine auf den Markt. Neun Mal mehr, als Frankreich überhaupt herstellt.
  • 0

PekingAls die beiden Flaschen nebeneinander standen, war der Unterschied nicht mehr zu übersehen. „Schon die Etiketten hatten eine völlig unterschiedliche Qualität, obwohl es sich um gleiche Jahrgänge handelte“, sagt Weinexperte Krishna Hathaway, damals Sommelier in einem Luxus-Resort bei Peking. „Das der gefälschten Flasche war offensichtlich mit dem Tintenstrahldrucker gedruckt.“ Auch das Glas und der Kork der Nachahmung wirkten deutlich billiger.

Die echte Flasche stammte aus dem Keller des Hotels, die gefälschte hatte ein Gast mitgebracht, um sie zu einem feierlichen Anlass zu trinken. Die Erkenntnis, dass er sich eine Fälschung hatte andrehen lassen, traf ihn schwer – schließlich erzielt ein 2008er Château Lafite-Rothschild Pauillac in China einen Marktpreis von mehreren Tausend Euro.

Dass die Fälschungen auffliegen, ist in China eher die Ausnahme – kaum jemand hat das Glück, eine Flasche aus dem Handel mit einem verbürgten Original zu vergleichen. Dabei ist die Menge der Fälschungen auf dem Markt gigantisch. In China kommt etwa neun Mal mehr hochklassiger Bordeaux-Wein auf den Markt, als Frankreich überhaupt herstellt.

Der Staatssender CCTV berichtete im vergangenen Jahr über ein Hotel in der Südmetropole Guangzhou, das jährlich 40.000 Flaschen Château Lafite verkauft. Der Haken: Das Weingut liefert jährlich nur rund 50.000 Flaschen nach ganz China. Experten zufolge gehen dort rund 300.000 Flaschen in den Handel. Mehr als acht von zehn Flaschen Château Lafite-Rothschild sind also gefälscht. Eine Flasche Lafite des Jahrgangs 2010 kostet auf Weinauktionen laut der Plattform Wine-Stocks derzeit mehr als 450 Euro, ein 96er mehr als 650 Euro.

In den vergangenen anderthalb Jahren ist das Geschäft freilich etwas abgeflaut. Die Preise für Château Lafite sind um ein rundes Fünftel gefallen. Ursache ist eine Kampagne der Regierung gegen Korruption, Verschwendung und Luxus. Staatspräsident Xi Jinping will seiner Kommunistischen Partei damit wieder etwas Glaubwürdigkeit zurückgeben. Für Parteibonzen ist es definitiv damit vorbei, ihre Bankette mit Château Lafite für 5000 Euro pro Flasche zu schmücken. Heute bringen die Kellner stattdessen Wasser und nach dem Essen einen einheimischen Schnaps.

Dieses Vorgehen hat auch zwangsläufig Auswirkungen auf die französische Weinindustrie. Denn für die Bordeaux-Winzer ist China mit einem Exportanteil von mehr als 20 Prozent der zweitgrößte Markt weltweit. 2013 brachen die Exporte der Tropfen aus Bordeaux um 18 Prozent auf 279 Millionen Euro ein.

Kommentare zu " Unechter Bordeaux: China ist das Eldorado der Weinfälscher"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%